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 Frühlingsexpedition

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Mallo
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BeitragThema: Frühlingsexpedition   Sa Apr 02, 2016 3:41 am

Sie trafen sich, da ging die Sonne bereits hinter den westlichen Hängen unter. Es war der Ort, den die Gutenbuchter das "Binnentor" nannten, denn hier war eine Lücke zwischen zwei der ältesten Hütten des Dorfes und öffnete den Pfad auf die westliche Handelsstraße nach Oron.

Als Mallo zwei Schimmel ans Binnentor brachte, war Wamai schon da. Er stand an die Wand gelehnt im Schatten und warf seinen kleinen Dolch in die Luft. Unhoch, sodass er ihn immer wieder am Knauf fing, als die Klinge wieder hinabsauste; Zu seinen Füßen lagen zwei Bündel und ein Rucksack. Er grüßte Mallo mit dem Heben eines Mundwinkels und steckte das Messer weg.

"Na? Bursche?"

"Das sind Gleißwind und Findel", sagte der Chirya zur Antwort und meinte seine zwei Begleiter: Ein weißes Schimmeltier und eines mit großen, schwarzen Flecken. Heute, an dem Tag ihres Aufbruchs, sah Mallo gar nicht viel anders aus als der verwegene Naihlar. Er trug den verhassten, aber warmen gutenbuchter Schlotfegermantel und seinen Stohhut hatte er im Winter schon gegen einen neuen aus festem, gekämmtem, braunem Leder getauscht. Gleißwind, das helle Tier, trug bereits sein Bündel und die zusammengerollte Strohmatte an den Seiten des Sattels. Keines der beiden Tiere trug Zaumzeug.

"Ich hoffe, du hast es nicht verlernt!", rief Mallo Wamai zu, worauf dieser sich scheinbar widerwillig von der Wand abstieß und zu dem Grüppchen aus Mensch und Tier ins Abendlicht trat. Sein schwerer, schwarzer Umhang warf Falten an den Seiten und zeigte Wamais kräftige Arme, als er ohne ein Lächeln, aber mit interessierten, dunklen Augen zu Findel aufsah und dem großen Pferdekopf die golden beringten Hände entgegenhob. Findel schnaufte und stieß mit dem Huf. Mit einem Anschlag Faszination trat Mallo einen Schritt beiseite, als Wamai die Hände auf die Schnauze des Tiers legte und langsam darauf einredete. Findel schwang einmal den Schweif, dann war er ruhig und der Naihlar bestätigte sein Gesagtes und strich dem Schimmel sanft über den Hals.

Chollodan, dachte Mallo. Er hatte die leisen Worte nicht verstanden, aber seine Erinnerung sagte ihm, dass manche Naihlar die Tiersprache beherrschen sollten. War es so, hier und jetzt? Er wusste es nicht.

"Lass uns losmachen", sagte er stattdessen, "Wenn wir jetzt reiten, erreichen wir mit Glück Ardens Lager, gerade wenn die Nacht hereingebrochen ist."

Wamai holte sein Gepäck und zusammen befestigten sie es an Findels Sattel. Bogen, Köcher und Schwert behielt der Naihlar am Körper. Sie bestiegen die Pferde und blickten hinaus, nach Westen.
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Mallo
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BeitragThema: Re: Frühlingsexpedition   Fr Apr 15, 2016 4:10 pm

Dämmrige Schatten lagen bereits über dem Anfang ihres Weges, denn sie ritten die sonnenabgewandte Seite der Berge hinauf. Der Pfad schlängelte sich in steiler Serpentine die Kammfassade über Gutenbucht entlang. Hin und wieder kreuzten sie den Gutenbach, der die Klippen wild hinabstürzte um viel tiefer unten ins Meer zu münden.

"Hierauf sitzen unsere Brunnen, oder?", fragte Mallo, als sie im Schritt um eine Kurve gebogen waren und der Gang der Pferde das nahende Rauschen des Bachs nicht mehr übertönte.

"Hm", antwortete Wamai, was in seiner wortkarg gewordenen Sprache eine Zustimmung bedeuten konnte. Seine Augen lagen mit eigenartigem Glanz auf dem Wasser. Mallo schürzte den Blick und hob ihn den steilen Hang hinauf.

"Das Wasser kommt aus dem Berg", fuhr er fort, indes Gleißwind langsam abbremste, "Es muss Süßwasser sein."

Nach wenigen Meilen hielten sie an, um das Wasser des Gutenbachs zu prüfen. Hier spross das erste Gras aus dem niedrigen, feuchten Ufer. Hier und da wuchsen sogar noch Bäume, der Art, die im heißen Sommer auch ohne zu viel Feuchtigkeit auskommen und wenig Schatten spenden würden. Wamai setzte sich so nah an den Bach, dass Tropfen sich auf seine Knie niederließen. Er hielt die Hände zu einer Schale geformt ins Wasser und schöpfte es, betrachtete lang, wie es zwischen seinen Fingern hindurchsickerte und trank davon. Sie ließen auch die Pferde trinken.

"Ich meine, wir sollten das nächste Stück laufen", sagte der Naihlar schließlich.

"Warum? Zu viel Zeit können wir uns nicht lassen."

Wamai blickte wieder den Hang hinauf.

"Siehst du da, die Grenze des Kamms? Da müssen wir hoch. Für die Pferde ist das eine Zumutung."

"Du willst sie hier lassen?", fragte Mallo argwöhnisch und zog an seinem Glimmstängel.

Wamai seufzte.

"Es wäre besser... Aber weiter oben brauchen wir sie."

"Vorschlag:" Mallo zog am Kraut und warf den Papierstummel davon: "Ich geh voraus und prüfe die Strecke. Wenn sie gehbar ist, gebe ich dir von oben ein Zeichen. Und wenn es für die Pferde zu steil wird, lotse ich euch außenherum, wo es wegsamer ist."

"Hm", sagte Wamai wieder und blickte reglos ins Wasser, "Dann geh, Bursche... Ich behalte den Kamm im Auge."

"Gib mir", Mallo schob schätzend die Lippen hin und her, "eine Stunde, höchstens zwei."

Je höher der Chirya, erleichtert um sein Gepäck, stieg, umso kürzer und karger wurde das Gras an den Seiten des hohen Wegs. Er hatte keine Angst vor der Höhe und so warf er immer wieder einen Blick zurück, zu dem Fleck, wo er Wamai und die Pferde zurückgelassen hatte. Zunehmend wurde die Straße steiniger. Ein Mann in schlichter Leinenkluft kam vorbeigetrabt und grüßte, so beiläufig, dass Malen zwar zurückgrüßte, die Gelegenheit aber verstreichen ließ, ihn nach dem, was oben auf sie wartete, zu fragen - so klein und gemütlich war Gutenbucht weit unter ihm, dessen rauchende Schornsteine und frische Hütten, deren gehobeltes Holz er bis hier oben zu riechen glaubte, dass er für den Moment ganz abgelenkt war.

Als die Bäume immer rarer wurden und schließlich gänzlich unter ihm geblieben waren, erstreckte sich vor ihm das letzte Stück der Serpentine. Also nahm Mallo Beinkraft zusammen und stieg querfeldein hinauf, sich kleiner Hügel und loser Steine bedienend, denn weder die Breite noch die Beschaffenheit des Weges würden sich hier noch verändern.

Als er den Kammgipfel erreichte, war die Sonne untergegangen, was ihn wunderte, denn über den steinigen Klippen hingen Dunst und erleuchteter Nebel. Wie froh war er, als er erkannte, dass die Farben von Feuern stammten! Mallo strahlte, als er die Reihen weißer Zelte erblickte, Männer hörte, die Fleisch am Spieß brieten, einander Sprüche zuriefen und lachten. Der Späher engte die Augen und fuhr das Lager mit seinem Fernglas ab; Vielleicht würde er Arden oder Asdan gleich in der Nähe ausmachen können. Dann trat er zurück, blickte den Weg hinab und entzündete seine Laterne, um Wamai ein Zeichen zum Folgen zu geben.
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Arden

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BeitragThema: Re: Frühlingsexpedition   Sa Apr 30, 2016 8:19 pm

Arden schaute sich im Lager um und beobachtete jede Bewegung der trainierenden Rekruten. Sobald ein Fehler in einer Bewegung gemacht wurde, stoppte er die Gruppe und zeigte, wie man Diesen vermeiden kann.
Wieder rief er lautstark in die Truppe, dass sie sich mit der Übung ranhalten sollen, da es sonst kein Essen am Abend gibt.

Mittlerweile hat er die Rekruten doch zu einem relativ vernünftigen Haufen zusammen geschweißt der auch langsam kampfbereit ist. Keine Armee, aber eine deutlich solidere Verteidigungskraft und Miliz.

Immer wieder machte er einen Rundumblick durchs Lager, beobachtete die prasselnden Feuer, die kurzen, weißen Zelte und die Welt um das Lager. Er wird wohl immer diese Vorsicht mit seiner Umgebung bewahren. Hinter ihm war eine große Halle aus Holz errichtet worden, die zugleich als Trainingshalle als auch Speisesaal diente.
Etwas verwundert bemerkte er, dass er Asdan nirgendswo erblicken kann. Nichts das er sich wieder irgendwo mit dem Wein verkrümmelt hat...

"Hat jemand Asdan gesehen?", fragte er seine Rekruten. Alle hielten inne, schauten einander an und schüttelten den Kopf.
"Vielleicht ist er mit dem Neuling laufen gegangen?", rief einer der Rekruten.

Arden schaute in Richtung Gutenbucht, ob er den Frischling und ggf. Asdan erblicken kann.
In dem Moment fiel ihm ein Schemen auf, der sich am Horizont Richtung Gutenbucht erhoben hat. Leider konnte er nicht genau erkennen, ob es einer seiner Jungs war, das Licht der Lagerfeuer und von Gutenbucht ließen die Figur nur zu einem Schatten verschwimmen.

"Da kommt jemand aus Richtung Stadt, kann das schon unser Frischling sein? Wenn ja, wäre das sehr beeindruckend!"
"Nee, der Junge kann doch kaum 5m Laufen ohne eine Verschnaufpause", rief einer der Rekruten schnippisch.

Arden behielt den Schatten im Auge, während er ich am Horizont bewegte.
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Mallo
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BeitragThema: Re: Frühlingsexpedition   Mo Mai 09, 2016 3:40 pm

"Wir müssen los."

"Hrmhrmhrrr."

Mallo wandte das Gesicht ab und seufzte. Er war selbst ziemlich gerädert, aber die Rekruten hatten am Vortag Kartoffeln im Feuer gebacken. Essen hatte ihn einigermaßen wieder auf die Beine gebracht - anders als Wamai, der seine Stirn auf die Arme niedergesenkt hatte, wie ein nasser Sack an einem Tisch im Schatten der Trainingshalle sitzend, einen vergessenen Krug Wasser zu seiner Rechten. Arden war am Abend des Wiedersehens ebenfalls spät, aber als erster zu Bett gegangen; An diesem Morgen war er bereits draußen bei seinen Soldaten. Aus einiger Entfernung drang Waffenklirren zu den Reisenden herüber.

"Iss was, das hilft." Mühsam stand Mallo auf und drehte sich Tabak ins Papier.

"Wolltest du nicht aufhören?", hörte er da Ardens freundlich spottende Stimme hinter seiner Schulter. Schneller als erwartet war der Milizführer zurückgekehrt, mit gesunden rosigen Wangen, verschwitzt und außer Puste. Er nahm einen großen Schluck aus Wamais Wasserkrug und goss sich den Rest übers goldene Haar. "Aaaah, eine Wohltat."

"Wenn die Schweine mir ihr Zeug bringen", antwortete Mallo mit der Kippe im Mund und schürte sie an.

"Und was ist mit dem da?" Belustigt schob Arden sein Kinn in Richtung des Naihlar.

"Hrmhrrrgh."

Die Chirya lachten.

"Wamai, du wirst alt", schloss Arden, nachdem Mallo mit den Schultern gezuckt hatte, "Gleich behalte ich dich da und treib dir die Gelage aus, was hältst du davon?"

"Nein", krächzte der Naihlar und schob sich langsam in die Aufrechte, einen Wirbel nach dem anderen, "Wir haben eine Mission."

Ein Röstspeckbrot und einen halben Krug Konterbier später war er soweit, sich auf sein Pferd zu setzen. Sie bedankten sich bei Arden, wünschten ihm gute Reise nach Holzbrück und tolle Errungenschaften, gaben ihm Grüße an Asdan, Raûl und Vhenan mit, umarmten sich kameradschaftlich.

"Bringt Essen mit", bestellte der Milizführer heiter, "Davon kann man nie zuviel haben. Außerdem bin ich echt gespannt, was ihr findet, da draußen in der Einöde."

Einöde, hatte er gesagt, und Einöde war es, die sich den Reitern zeigte, nachdem sie Ardens Lager über das Westtor verlassen hatten. Der sandige Steinboden hatte ein kräftiges Rot. Ob man aus dem geriebenen Stein Farbe herstellen kann?, dachte Mallo. Hier oben auf dem Hohen Weg wehte ein frischer, in Ansätzen warmer Wind, wirbelte Staub unter den Hufen der Reittiere auf. Einzelne Gräser- und Dornenbüsche säumten ihren Ritt und kein Baum behinderte die Sicht auf einen monumental breiten Himmelstreif. Selbst wenn Oron irgendwo am westlichen Horizont zu sehen sein sollte an einem hellen Sommertag, heute war es das nicht, noch hing Frühjahrsnebel in der Ferne über der Ebene. Mallo lächelte trotzdem.

"Hmm. Kritisch", sagte Wamai irgendwann. Sie hatten beschlossen, sich nordwestlich zu halten, damit ihr Überblick möglichst umfassend ausfiel, wenn sie auf dem Rückweg den Süden streiften: "Schau dir das an. Hier ist nichts. Und wenn, dann ist es sehr gut versteckt."

"Wir müssen nur die Augen offenhalten", antwortete Mallo, "Immerhin leben hier Menschen."

"Ach ja?" Wamai zog eine Braue hoch. "Ich sehe keine."

"Na gut, nicht gleich hier. Aber in den Umlanden. Für irgendwas muss die Ebene fruchtbar sein. Was Anderes seh ich nicht ein."

Wenig veränderte sich während ihres Weges, außer, dass es heißer wurde, während die Sonne höher stieg. Sie machten eine Pause bei einem trockenen Halfagras-Fleck und Gleißwind schnitt sich daran die Lippe auf. Mallo reinigte die Wunde und rieb sie mit Spitzwegerich ein, den Gleißwind am liebsten mitgegessen hätte.

"Das Zeug kann man bestimmt trocknen und zum Flechten verwenden. Körbe, Taschen. Klamotten", überlegte der Chirya, "So robust wie das ist. Jetzt müssen wir aber schauen, dass wir Wasserquellen finden. Wenn wir hier schon jede Menge Platz zum Bauen haben, muss die Versorgung mit Wasser auch stimmen."

"Mallo, wir haben doch schon bald die Grenze von Shäekara erreicht."

"Na und? Loravinde wird hier oben stehen. Und es wird wachsen. Unten ist doch gar kein Platz mehr. Ich wette mit dir, Raûl plant nicht anders."

Sie fanden unweit tatsächlich eine kleine, palmenbewachsene Oase. Sie nährte sich von einem Tümpel, doch dessen Wasser war sauber. Während Wamai die Palmen inspizierte, wusch Mallo nochmal Gleißwinds Wunde aus.

"Datteln!", rief der Naihlar schließlich aus einer der Kronen. Er tat einen Sprung und landete sicher im trockenen Gras. "Datteln", sagte er nochmal und hielt Mallo eine kleine Traube grüner, verformter Blätter hin "Sie sind noch nicht reif, aber schau mal. Die Bäume blühen reichlich."

Strahlend musterte der Chirya die Kronen von unten. "Hervorragend. Die brauchen aber noch. Wie lange, meinst du? Bis Herbst?"

"Herbst könnte sein." Wamai biss in eine Dattel, verzog das Gesicht und spuckte sie wieder aus, "Herbst", sagte er, diesmal entschlossener.
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Mallo
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BeitragThema: Re: Frühlingsexpedition   So Mai 15, 2016 4:36 pm

Sie zogen von Oase zu Oase, nahmen sich nicht mehr Zeit als nötig, sprachen darüber, was unmittelbar und wichtig war und es war ihnen beiden recht. Sie prüften die Erde, sortierten Sträucher und Baumblätter, Rindenproben, vertrieben Schlangen und beobachteten Echsen, die sich zum Wärmen in die Sonne legten. Im Gras fand Findel einen Skorpion und trotz Malens wiederholtem Widerwort fing Wamai ihn und sperrte ihn in eine Flasche.

"Gift", erklärte er nur. Wenn er jagen ging, dann allein, während Mallo wilde Sonnenblumen um ihre Kernansätze erleichterte oder unreife Feigen wusch. Im Spätsommer wollte er noch einmal losziehen. Es wäre eine reiche Ernte, und nun wusste er, was sie erwarten konnten. Der Naihlar jedoch konnte schwer auf Fleisch verzichten und wurde mit der Zeit noch wortkarger - denn außer kleinen Nagern, Erdmännchen und Atlashörnchen, und noch weniger ergiebigeren Reptilien enttäuschte ihn das Flachland.

Abgesehen davon hatten sie so viel entdeckt, dass der Platz in ihren Taschen langsam knapp wurde vor lauter Proben: Korkeichenrinde, Zederzweiglein, ein paar Spalten Kiefernholz, Mandeln, Erdnüsse, ja sogar Olivenbäume und wild wachsende Pfefferschoten, Kümmel und Sesam hatten sie gefunden; außerdem dankbare Fläche für die Landwirtschaft: Wenn man die Oasen richtig verknüpfte und das Wasser leitete, konnte man durchaus kleine Felder für Mais, Reis, Roggen, Kartoffeln und Zuckerrüben bestellen. Das Land sprach für Orangen- und Zitronenbäume, die westlichen Hänge der Hügel, die sie längst passiert hatten, für Wein und Artischocken und deren andere Seite für Erdbeeren und Spargel.

"Ich kann mir sogar Baumwolle vorstellen", sagte Mallo während einer Rast, als sie ihre Funde besahen, "Alles, was wir dafür tun müssen, ist, das Land richtig zu bewässern. - Und Tabak."

"Und Hanf." Wamai grinste schief. Er feierte heute sein eigenes kleines Fest, denn er hatte eine Lerche geschossen und zerlegte sie gerade meisterlich.

Malen missbilligte dies, aber er erinnerte sich an Jael und dieser Gedanke besänftigte sein Gemüt ein wenig. Leben und leben lassen. Er aß ein paar Erdnüsse und verzog sich zum Zelt, um erste Planskizzen anzufertigen.

Als er wieder nach Wamai sah, saß dieser gebeugt über der Halfagrastasche, die er in den Ruhepausen flocht. Immer und immer wieder zerlegte er die neusten paar Stränge und verwob sie aufs Neue, bis er sie irgendwann fluchend in den Sand warf (Mallo verstand die wenigen Worte nicht, aber sie konnten nichts Gutes bedeuten) und abseits ging, um sich mit dem Rücken zum Lager ins Gras zu setzen. Hellhörig sah Malen ihm nach und näherte sich langsam.

"Was machst du da?"

"Sie ist noch nicht perfekt", antwortete Wamai. Seine Augen waren geschlossen, die Stirn glatt.

"Warum soll sie denn perfekt sein?"

Wamai schwieg. Also ging der Chirya ein paar Schritte zurück, pflückte die unfertige Tasche vom Boden und wand sie in den Fingern.

"Der Anfang ist ein bisschen krumm", stellte er schmunzelnd fest, "Aber hier, später, hast du den Dreh doch ganz gut raus. - Aber ich wollte wissen, was du jetzt machst." Mit der Tasche in der Hand kniete Mallo sich in Wamais Nähe und betrachtete den Naihlar von der Seite.

"Ich versuche zu meditieren."

"Warum?"

Langsam öffnete Wamai die Augen. Sie waren klar und von einem eigentümlichen latenten Glimmen erfüllt, als er sie Malen zuwandte.

"Das ist die falsche Frage. Man meditiert auf etwas."

"Na schön. _Worauf_?"

Der Naihlar blickte zum Horizont.

"Worauf man meditiert? Auf sein Selbst. Man will wieder eins mit sich werden. Sich spüren. Sich daran erinnern, wer man ist."

"Hast du vergessen, wer du bist?"

"Vielleicht, vielleicht nicht... Aber du." Wamais ferner Blick schöpfte aus irgendeinem Gedanken ein ebenso fernes Lächeln. "Du hast es vergessen."

Verstörung und Unverständnis zeichneten Mallos Züge.

"Moment - was?", fragte er mit zusammengezogenen Brauen - und erstarrte, als Wamai die Hand hob und die Finger mit platonisch festem Griff um das Kinn des Chirya legte, um Mallo in die perplexen Augen zu sehen.

"Vielleicht solltest du aufhören, deiner Umwelt ein Kostüm zu zeigen,... Bursche. Es würde Vieles für dich leichter machen. Und schöner. Und dich, dich würde es glücklicher machen." Damit erhob er sich.

"Ich trage kein Kostüm!", fuhr Mallo hoch und der Naihlar, schon halb abgewandt, noch einmal herum und lenkte den Blick an eine Stelle, die der Bursche nicht sofort einschätzen konnte.

"Sich jeden Tag die Brust abzubinden muss unbequem sein", lächelte der Naihlar und verließ seinen Begleiter für die Nacht.

Wortlos starrte Mallo ihm nach. Erst als er sich umdrehte, fiel ihm der Tabakstängel in seiner Hand wieder ein.

"Kostüm", sagte er zum erschlagenden Sternenhimmel und zog seinen groben Mantel um sich, "Ich geb dir Kostüm", zündete seinen Tabak an und fühlte, dass Wamais Gedanke an einem Punkt gerührt hatte, der so tot nicht war.
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Mallo
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BeitragThema: Re: Frühlingsexpedition   Fr Mai 27, 2016 4:34 pm

"Nein, bitte, lasst doch die Tiere!" Der alte Mann war kurz davor, auf die Knie zu fallen. Flehend sah er zu seinem Peiniger auf, streckte die Hände dorthin, wo der Raufbold mit Kapuze und wenigen Zähnen eine Ziege an der Gurgel hielt.

"Hörst du schlecht, du Kauz? Ich sagte, all dein Silber. Her damit."

"Ich kann doch nicht zaubern! Bitte, nicht meine Herde -"

Blut spritzte. Aber wessen, das konnte keiner auf die Schnelle sagen. Erst im nächsten Augenblick wurde klar, dass in der Schulter des Räubers ein Pfeil steckte. Mit einem Schmerzensschrei ließ er die erstickende Ziege los, derweil sein Begleiter eine rostige Klinge entschlossen aus der Scheide zog.

Das Hufgeklapper, das sich im Hintergrund genähert hatte, war keine Illusion gewesen. Zwei Reiter donnerten heran, ein junger verwegener Mann in schwarzem Mantel, der freihändig ritt und soeben seinen Bogen senkte und sein heller Begleiter, dessen Klinge in der Mittagssonne schimmerte. Sein Pferd scheute, als er es direkt auf das Grüppchen um den verzagten Ziegenhirten zuhalten ließ und das schmiss den Schwertträger aus dem Sattel - allerdings nicht ohne ihm das Glück oder den Zufall zu lassen, mit der Klinge die Rückseite des zweiten Räubers zu streichen. Vor Überraschung und Wut jaulte der Kerl auf und warf sich auf den hellen Ritter, als der Dunkle dem Ziegendieb den Weg abschnitt. Sein nächster Pfeil zielte auf dessen Brust.

"Lasst Eure Waffen fallen."

"Was bei den Verfemten", fluchte der Räuber. Er griff sich an die durchbohrte Schulter und gehorchte. Sein Messer landete im Sand vor Findels Hufen. "Wer seid Ihr denn?"

Die anderen Zwei balgten, bis der Räuber seine Faust in der Magengrube des hellen Ritters versenkte. Nur ein Herzschlag, und der Angegriffene schmetterte seine Stirn gegen des Faustkämpfers Nase. Es krachte; keuchend fielen beide voneinander ab. Im Sand haschte der Helle nach seinem Schwert und eilte sich, trotz Taumel und Würgereiz, es an die Kehle des Räubers zu halten.

"Jemand der Übergiffe auf" - Wamai warf einen Seitenblick zu dem verängstigten Bauern - "Schwächere nicht duldet. Wenn ihr also das von dem Mann wolltet, was ich denke, das ihr wolltet, dann packt euch gefälligst fort aus den Augen Shäekaras."

Der Räuber am Boden hob die Hände, um sich die blutende Nase zu halten.

"Ist gut, ist gut", lenkte der Drahtzieher ein, "Wir verschwinden ja."

"Und kommt nicht auf den Gedanken, dem Mann wieder zuzusetzen", sprach Wamai und sah zum Besiegten am Boden. "Mallo. Lass ihn los."

Mürrisch rappelte sich der Helle Ritter auf, hob eine Hand, suchte zeitgleich Abstand zum und Kontrolle über den Räuber zu erlangen.

"Und wer soll uns daran hindern, wenn ihr weg seid?", fuhr der Ziegendieb indes gekrümmt fort.

Zisch! Die Sehne hatte nur sehr kurz gesungen. Der Fuß des Räubers war im nächsten Augenblick gnadenlos an den Boden gepinnt. Zwei - drei - dann schrie er wieder auf vor Schmerz.

"So ein Dreck, wir sind unterlegen." Sein Begleiter eilte herbei, sobald er sich sicher sein konnte, nicht wieder von den Reitern angefallen zu werden.

Mallo und Wamai verfolgten aus Argusaugen, wie die Gestalten sich mühevoll befreiten und sich schließlich aufeinandergestützt durch die Hitze fortschleppten.

Der Ziegenhirte hieß Omenno und erwies seine Dankbarkeit dergestalt, dass er anbot, die arme Ziege für seine beiden Retter zu braten, die an den Folgen des Angriffs letztendlich erstickt war. Wamai willigte ein, aber erst nachdem sie Omenno und die Herde zu seinem Lager gebracht hatten, einem Holzverschlag an einem Wasserloch an der Grenze zu Oron. Sie saßen zusammen, bis der Abend anbrach. Mallos Magen schmerzte immernoch, aber selbst er aß ein Stück Ziegenflanke; achtsam und mit zeremoniellem Dank. Von Omenno erfuhren sie, dass diese Tiere sich sehr gut mit der Steppe angefreundet hatten. Er war begeistert, von den neuen Nachbarn aus Shäekara zu hören und legte ihnen die Viehzucht ans Herz.

"Schafe, ja, Schafe geben auch gutes Fleisch. Die Wolle könnt Ihr verkaufen, die braucht es hier nicht. Oder macht Kissen damit." Kühe allerdings hatte Omenno hier noch nie gesehen und hatte ebenso großen Respekt vor Findel und Gleißwind. Ja, vielleicht könnten sie unten am Hafen Kühe halten, aber nicht viele. Weit und breit würde es keine Weiden für sie geben.

Sie beschlossen, eine Nacht bei Omenno zu bleiben und Wasser aufzufüllen; dann den Hirten nach Oron zu begleiten, wo er Hilfe der Seinen suchen sollte, um sicherzugehen, dass die Landstreicher auch beim nächsten Übergriff keinen Erfolg haben würden.

"Die gibt's hier immer wieder", erzählte Omenno, während er in seinen Verhau verschwand, "Passt auf und lasst eure Leute davon wissen."

Als er sich schlafen gelegt hatte, blieben Mallo und Wamai noch eine Weile sitzen, rauchten und redeten ein wenig.

"Gwen hat erzählt, die Flüchtlinge aus Ortac sind angekommen. Stell dir vor, wir kommen nach Hause und treffen Naihlar und Chirya, die nicht von Oshead sind."

Wamai streckte die Beine aus.

"Und, jemand Bekanntes dabei?"

"Nicht dass ich wüsste", antwortete Mallo melodielos, "Aber was hältst du davon, wenn wir uns auf dem Rückweg beeilen? Ich... also, ich will wissen, ob... Vielleicht ist mein Vater unter ihnen." Er schickte Wamai einen tapferen Blick.

"Ich verstehe", antwortete der Naihlar langsam, "Natürlich können wir uns beeilen. Sonst noch irgendwas Interessantes?"

Mallo schwieg und sah Wamai mit folgenschwerem Ausdruck in die Augen.

"Der Krieg ist nicht vorbei", sprach er, nachdem er den Blick abgewandt hatte. Jetzt musste er es Wamai sagen. "Die Gefrorenen sind noch da, auch wenn die Völker sich uneins sind, ob Karg noch lebt oder nicht. Aber.. Emebeth ist tot. Auch der Archon der Zwerge. Und... und Dion." Jezt schwieg er und gab dem Naihlar Zeit.

Wamai rührte sich kaum. Schließlich senkte er mit getrübten Augen das Gesicht.

"Ah... hat Neome etwas dazu gesagt?"

"Ich weiß es nicht", antwortete Mallo leise und behutsam.

Wamai stand auf, kehrte dem Chirya den Rücken zu. Er schwang die Arme ein wenig, atmete durch.

"Lass uns die Biege machen, Bursche", sprach er und Mallo meinte, in seiner Stimme Bitterkeit zu hören, "Und morgen kümmern wir uns um die Lebenden."

Als Mallo sich unter die Sterne legte, stand Wamai noch am Feuer. Der Bursche war sich sicher: Er nahm Abschied.
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Mallo
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BeitragThema: Re: Frühlingsexpedition   Di Jun 21, 2016 11:40 am

In dieser Nacht war es entsetzlich kalt. Der Himmel war frei von jeder Wolke. Das Meer hatte Regen an die Küste getragen, der sich jetzt in Abendnebel verwandelte und Fuß und Huf klamm werden ließ. Mallo und Wamai hatten alle Tücher umgelegt, die sie bei sich hatten; trotzdem, selbst in den Brisenbruchstücken des Meerwindes, die, am Hohen Weg gespalten, die Klippen zur Ebene hochkrochen, waren ihre Finger gerötet, ihre Hälse gereizt. Sie ritten auf dem Endspurt, hoben dafür die letzte Luft aus den Lungen der Pferde. Bald würden am Morgen zu ihrer Linken die weißen Zelte von Ardens Lager in der Ferne schimmern. Bald würden sie wieder in Gutenbucht sein.
Sie hielten erst an, als Gleißwind strauchelte und trotz des sanften Befehls seines Reiters in Trab verfiel. Mallo hieß sein Ross bremsen.

"Wir müssen anhalten. Wamai! Wir müssen anhalten. Das hat keinen Sinn. Ich will ihn nicht krank machen."

Der Naihlar bremste und sah sich um, wog ab.

"Es ist zu feucht, um ein Feuer zu machen..."

"Wir müssen es versuchen."

Wamai zoegerte und sah in die Ferne.

"Warte", sagte er, während Mallo bereits abgestiegen war und, seinen Zunder suchend, mürrisch und schniefend vergeblich nach trockenen Ästen die Hände über den Boden fahren ließ.

Der Naihlar kehrte in wenigen Minuten zurück. An seinem schattigen Schemen im Dunkeln erkannte Mallo, dass auch er abgestiegen war und Findel neben ihm ging - doch sie gingen schnell.

"Erfolg!", rief Wamai und hob die Hand.

Hinter dem Zedernhain, dort, wo die Hohe Ebene abzufallen begann und auf die Serpentinenstraße traf, die man den Hohen Weg nannte, zeichnete sich in einer kleinen, weiten Bergmulde das Gerüst eines Hauses ab.

"Es scheint zumindest zu stehen", erklärte Wamai, "Wenn das Dach halbwegs intakt ist, könnte es da trockenes Stroh geben."

Sie nahmen den Abhang ähnlich wie auf dem Hinweg: zu Fuß und querfeldein. Die Hütte bestand aus vier lehmbehauenen Wänden und sie sah nicht aus, als wäre sie innerhalb der letzten Jahre von irgendetwas Anderem bewohnt worden als Spinnen und Eidechsen. Durch das angefaulte Halfagrasdach ließen die Sterne ihr Licht fallen. Reste grober Möbel standen hier und da, im Dunkeln erkannten die Reisenden etwas wie einen langen Tisch und ein paar Stühle. Während Mallo einen davon zerlegte, fand Wamai einen Haufen Stroh auf dem Boden zusammen. Es stank, als es kokelnd Feuer fing; aber das Feuer war fruchtbar.

"Schau dir das an", brachte Mallo hervor und hob das Gesicht, "Das ist ein Zeichen."

Erst zaghaft, dann blühender erhellten die Flammen die Wände der Hütte. Hier hatten sie ihr sandiges Terracotta kaum eingebüßt; ja sie waren gar bemalt. Über die Ostwand zog sich eine verwitterte Dornenranke, deren Blüten in einer großen, weißen auf Kopfhöhe kulminierten. Ein Wagenrad hing wie eine Trophäe über den Köpfen der Reiter; eine einzelne, letzte Talgkerze steckte zwischen den Speichen. Ein Kahn mit gelben Segeln lief über die Wellen an der Südwand, halb verdeckt von querstehenden, herabgefallenen Dachbalken; hinter dem langen Tisch, der sich im Feuerschein als heruntergekommener Tresen herausstellte.

"Letztes Mal, als ich mit Gwen gesprochen hab", fuhr Mallo fort und erhob sich, "ging es um eine Taverne. Eine eigene Taverne."

Ein paar Herzschlaege der Stille vergingen. Wamai lachte auf. Sein Luftholen zitterte noch ein wenig, als er seinen Mantel enger um sich zog.

"Na. Viel Erfolg mit dieser Bruchbude. Ein Stückweit ab von... allem, findest du nicht?"

Mallo wackelte mit dem Finger und schüttelte den Kopf.

"Darum geht's nicht. Dieser Ort ist tot. Er bringt nichts mehr. Nicht so. Ausser Ideen."

"Das... ist eine Wendung", sprach Wamai, zweifelnd, aber nicht abgeneigt. Er sah sich halbherzig noch ein bisschen um. Dann rieb er seine Hände vor dem Feuerschein.

Während die Pferde im Eck dämmerten, entdeckte Mallo hinter der verfallenen Taverne ein zusammengestürztes Hinterhaus. Eine Matratze lag faulend zwischen Stein, Brett und Gras. Von einstigen Vorräten war keine Spur, gewiss hatten die Landstreicher das letzte Fass und das letzte Laib Brot geplündert. Also war ihre Mahlzeit karg. Sie entschlossen sich dagegen, alle Nüsse aufzubrauchen, denn es lag noch Weg vor ihnen; doch sie leerten den Kartoffelschnaps, den Mallo in der Taverne zwischen den Welten für die Reise gekauft hatte. Bald waren ihre Füße warm trotz der nassen Stiefel. Sie hüllten sich bis zum Kinn in ihre Mäntel und Tücher, beschauten die Sterne durch das Loch im Dach, redeten und lachten und schliefen gut und fest, als das Feuer ausglomm.

Ein kontinuierliches, trockenes Schaben weckte Mallo am nächsten Morgen und er erkannte Wamai, der sich mit einem Büschel Stroh Ruß von den Händen zu wischen versuchte. Sie waren bereits gerötet.

"Hey", murmelte der Chirya und richtete sich auf, betrachtete die wunden Hände seines Gefährten, "Lass gut sein, das tut doch weh."

"Sie werden nicht sauber", antwortete der Naihlar in einem Ton, der Mallo aufhorchen ließ.

"Seit wann hast du diesen Tick? Meine Hände sind auf Reisen nie sauber. Das geht gar nicht. Warum kümmert es dich überhaupt? Du bist kein Rakh."

"Wo liegt der Unterschied?"

Mallo schwieg und war mit einem Moment hellwach.

"Wie - warte mal, was?"

"Wie, was?", wiederholte Wamai, ohne einmal von seinem Tun aufgesehen zu haben.

Der Bursche warf seinen Mantel ab, stand auf und kam näher. Durch das Loch im Dach schien die Sonne.

"Was hast du mich gerade gefragt?", hakte er langsam nach.

"Ich fragte dich: Wo liegt der Unterschied?", antwortete Wamai, "Sie sind Sklaven ihres Herrn... und ihres Schicksals. Sie gehorchen dem, was sie am Leben hält. Wie wir."

Mallo versuchte nachzudenken. Letztendlich schüttelte er energisch den Kopf.

"Ich sag dir, wo der Unterschied liegt. Sie gehorchen der Essenz, dem Bösen. Der Zerstörung. Wir haben einen Willen."

"Haben wir das?"

"Sie sind wie die Gefrorenen! Willst du sagen -"

"Haben wir das?", fragte Wamai nochmal, lauter. Sein Blick traf Mallos mit unerwarteter Härte, als er sich ebenfalls aufstellte: "Warum mache ich dann DAS HIER?" Er hob seine Hände vor Mallos Nase. Die Finger waren aufgerieben, aus den Fältchen um die Knöchel trat hier und da frisches Blut und benetzte seine Goldringe.

"Hör auf damit", zischte Mallo und riss dem Naihlar erschrocken das Gras aus den Händen, warf es zu Boden. "Lass uns gehn. Lass uns sofort gehn. Wir können heute noch in Takbal sein. Und dann zeigst du das der Pakata und fragst sie genau das."

Er war nahe dran, den Naihlar am Handgelenk zu packen, aber Wamai wandte sich wehenden Mantels ab und entfernte sich. Mallo spürte, wie er einen Fluch unterdrückte, einen der Art, wie er sie abließ, wenn er die Grastasche von sich warf oder die Bretter vor Omennos Verschlag sortierte.

"Das ist alles nicht so einfach, Bursche", sagte er stattdessen und starrte in die Blume an der Wand.

"Du bist nicht assimiliert", sprach Mallo und setzte ihm nach, "Sie haben dich doch geprüft. Wamai, sie haben dich doch auf die Essenz geprüft!" Was wie Sicherheit klingen sollte, war mehr ein Ausruf hilfloser Hoffnung.

"Ich bin nicht assimiliert", antwortete Wamai angestrengt; und dann, als sich Wut auf Ratlosigkeit legte und es zwischen ihnen zu lang still werden ließ: "Lass uns gehen."

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WAMAIS LAGER
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Sie saßen am Tisch unter einem kleinen Segel. Der Naihlar hatte darauf bestanden, Mallos Planskizzen zu sehen und seine Ergänzungen dazu zu machen. Im Gegenzug hatte Mallo eingefordert, sofort danach in die Hafenstadt zu gehen, um Neome und Raûl zu suchen. Es war spät geworden, am Tisch brannte die Talgkerze aus der zerstörten Taverne.

"Und die Ziegen können dann hier... und hier ihre Weiden haben", sprach Wamai und setzte mit seiner Glasfeder kleine Kreuze auf eines der ausgebreiteten Pergamente. Dann nickte er. "Du hast das schon ganz gut gemacht. Ich zeichne
dir hier das Längenverhältnis auf. Schau? Dann übertrage alles auf sauberes Papier und bringe es den Anderen."

Mallo rollte die Zeichnungen zusammen.

"Fein. Wollen wir dann?"

"Ich bleibe erstmal hier", antwortete der Naihlar mit seiner angestrengten Energielosigkeit, die dem Chirya nun vertraut und ungeliebt geworden war.

"Halt, so war nicht die Abmachung. Wir haben gesagt, wir gehen nach Gutenbucht."

"DU hast das gesagt, Bursche."

"Wamai, du hast ein Problem. Du brauchst Hilfe. Die Pakata weiss bestimmt -"

"Lass das erstmal meine Sorge sein", widersprach der Dunkle leise.

Mallo biss die Zähne zusammen und betrachtete seinen Gefährten, der, die Hände gefaltet, den Blick starr gesenkt hielt, mit geschürzten Brauen.

"Ist das dein Wille?", fragte der Chirya, kühler als beabsichtigt.

"Ja... ich werde... es beobachten."

"Aber du kommst nach."

"Ich werde es mir überlegen."


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