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 Ceres' Kräuterstube

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Mallo
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BeitragThema: Ceres' Kräuterstube   Sa Jul 02, 2016 10:20 pm

Kommend von: Der Marktplatz

"Dein Zuhause ist jetzt hier", tönte eine Männerstimme von drinnen. Arm an einer eigenen Antwort öffnete Mallo den Mund und schloss ihn wieder, bevor er Elis ins Häuschen folgte. Es roch nach gedünstetem Fleisch, Steckrüben und gebackenen Zwiebeln. Ein Mann mit dunkelbrauner Filzmähne stand am Herd. Zwei Naihlarkinder spielten um ihn herum mit getrockneten Blumen, ehe Elis sie ablenkte. Als er sich umwandte, sah Mallo ein kantiges Profilmit mächtigem Kinn und forsche Augen, deren lange Wimpern ihnen Boshaftigkeit nahmen.

"Das ist Argo." Ceres trat an ihn heran und legte ihm die Hand auf den Arm. Der Mann neigte höflich knapp sein Haupt als Mallo einen Deut argwöhnisch sein eigenes schieflegte.

"Der Argo?"

"Ja. Du magst Geschichten über mich gehört haben, Mädchen, die wahr sind. Wahr waren. Aber sie sind Teil eines alten Lebens", erklärte der Hausherr und wechselte einen ernsthaften Blick mit seiner Frau, "Ich kann wenig vergessen machen; Ich kann auf Vergebung und Gelegenheit hoffen und versuchen, meine Fehler zu vergelten."

Offen musterte Mallo Ceres.

"Bitte gebt ihm eine Chance. Er wird, wenn ihr erlaubt, Arden bei der Miliz unterstützen und sich beweisen. Er hat sich auch mir in den letzten Jahren bewiesen", sprach sie und lächelte eine friedvolle Bestätigung, "Mir, den Truppen von Flatos und Palvar. Und auch deinem Vater." Sie löste sich von Argo und streckte zart die Hand nach Mallo aus.

Der Bursche hielt die Luft an; Er vergaß gar, sich darüber zu ärgern, dass Argo "Mädchen" zu ihm gesagt hatte. Ceres' Gesichtsausdruck schürte Hoffnung in seinem Herzen, sengende Hoffnung auf die Antwort zu einer Frage, die er noch gar nicht geschafft hatte zu stellen. So ergriff er stumm ihre Hand und folgte ihr die schmalen Stufen hinauf zum Überboden.

"Ich lasse euch beide allein", sagte Ceres behutsam und freudig, "Nehmt euch alle Zeit der Welt. Und wenn ihr wollt, kommt dann runter zum Essen."

Als ihre warme Präsenz Mallo verließ, atmete er aus.

"Danke", sagte er, als er sie schon in der kräuterverhangenen Stube zu Argo sprechen hörte und richtete den Blick starr auf den Tuchvorhang vor der Tür. Sofort packte ihn die Lust auf Tabak, aber er biss die Zähne zusammen und schluckte sie hinunter.

Der Überboden war noch nicht richtig eingerichtet. Hier lagen teils noch unausgepackte Taschen, ein Lager aus hellem, aber alten Tuch erstreckte sich an der linken Wand. Am Fenster unter dem Dach stand, auf eine große Truhe gestützt, ein Mann. Graue Filzlocken fielen ihm über die breiten Schultern. Mallo sah, wie sie sich mächtig hoben und senkten, als er tief einatmete. Einen Kloß im Hals, räusperte der Bursche sich leise. Und für einige Augenblicke war es, als setzten alle Geräusche und beide Herzen aus, als störrische, graue Augen auf die vertraute Wärme der betagten, braunen trafen. Elians Brauen zuckten im Erkennen. Dann durchmaß er eilig den Boden und schloss Mallo in die Arme, ihn beim Namen nennend.

Der Sohn, die Tochter schwieg. Zögerlich hob sie die Hände und legte sie um ihren Vater, grub die Stirn in dessen Schulter und dankte den Weltenlenkern.

"Das war ja einfach", witzelte sie schließlich, als sie spürte, wie Tränen in der Nase brannten, "Hier steckst du also."

"Einfach?" Elians Stimme war zittrig von einem liebevollen Anflug, als er Mallos Gesicht in seine großen Hände nahm.

"Ich musste dich gar nicht lang suchen."

"Ich habe mich sofort an die Naihlar gewandt", sprach Elian, "als es hieß, sie zögen nach Mythodea. Ich habe einen so großen Fehler gemacht, Malen. Es tut mir so Leid, mein Kind."

"Einen Fehler?" Sie ließ Sachlichkeit in ihrer Miene herrschen, so gut es ging, als sie sich voneinander lösten, auch wenn ihr Blick brüchig leuchtete und die Aufrichtigkeit ihrer Freude nicht verbarg.

"Setz dich", sagte Elian zuerst und führte Mallo zu seinem Lager. Sie ließen sich nieder. "Ich war selbstsüchtig zu dir. Dein ganzes Leben lang. Ich habe dich erzogen, wie ich einen Sohn erzogen hätte, den ich nie hatte. Jetzt sehe ich dich an und sehe auch, wie falsch ich lag. Wie ungerecht das war. Du hast so viel von ihr." Er musterte Mallo, presste die Lippen aufeinander und schüttelte sacht das graue Haupt. "Als du gingst, hatte ich Vertrauen in dich. Und je länger du fort warst, umso mehr packte mich die Angst, dass du all das hier nicht überlebst. Deswegen überfalle ich dich hiermit. Ich musste es sagen. Ich wusste, ich muss, wenn ich dich wiedersehe, dich um Verzeihung bitten. Dafür, dass ich dir eine falsche Jugend aufgezwungen habe. Dass ich dich nicht als... meine Tochter anerkannt habe, als es so wichtig war."

Schweigen herrschte eine Weile. Dann wandte Mallo den Blick und nahm seinen Hut ab.

"Es ist schön, dich zu sehen, Vater", antwortete sie schließlich, während Elians Miene eine erschrockene Facette annahm, "Aber ich finde nicht, dass du einen Fehler gemacht hast. Ich bin wie ich bin, dank dir. Und wahrscheinlich genau deshalb hab ich all das hier überlebt." Ein Lächeln zuckte zaghaft um ihre Mundwinkel. "Ich habe Mut, ich kann kämpfen, ich habe Freunde. Etwas zu tun. Das hab ich mir erstritten, weil ich mich nicht zurückgenommen hab und... vertraut hab auf dieselbe Stärke und Kunst, die ein Mann haben kann. Die du auch hast. Das ist doch gut. Oder nicht?"

"Was ist mit deinem Haar passiert?"

Verblüfft hob Mallo die Augen Richtung seines erfahlenden Scheitels.

"Ah, das. Vermutlich Kelriothar. Die Spiegelwelt."

Elian schnaubte aus seiner pfeilspitzen Nase und zog seine Tochter für eine kameradschaftliche, herzliche Umarmung zu sich.

"Wirst du wieder hingehen?"

"Natürlich. Die Oshead brauchen jeden, der kämpfen kann."

"Dann werde ich auch mitgehen."

"Nein", sagte Mallo bestimmt, legte Elian Einhalt gebietend die Hand auf die Brust, "Dein Krieg war drüben, Vater, und er ist drüben geblieben. Lass diesen Kampf euren Söhnen und Töchtern."

"Wir sprechen noch darüber", erwiderte Elian mit unwilliger Strenge, "Aber nun erzähle mir erstmal von deinem Leben,... du erwachsener Mensch. Wenn du willst."

Sie saßen Stunden zusammen, während draußen Hagel gegen die Hütte prasselte, sprachen über Palvar und Kelriothar, über Jael und Arden, darüber, wie Elian Argo als einen seiner Soldaten aufgenommen hatte, als dieser geschworen hatte, Ceres, die einen Sohn erwartete, zu beschützen; über Neome, die kennenzulernen er großes Interesse äußerte; über Karg und Emebeth, über die neuen Archontinnen von Ortac; über Karl Weber und das Reich der Rosen und über die ersten Siedler von Gutenbucht; über Gwen, Luveth und Cevel.

"Sie würde deine Gwen bestimmt mögen", sprach Elian mit heller Erinnerung, "Deine Mutter liebte Musik und Dichtkunst."

"Gwen singt nicht. Also nicht ihre eigenen Sachen. So schade! Ich weiß gar nicht, warum sie sich nicht traut. Sie kann das so gut."

Lauschend erhob sich Elian und brachte Mallo die kleinere der beiden Truhen, die vorher kaum beachtet im Raum standen.

"Sieh mal."

Die Tochter gehorchte mit einem Wenig Neugier und öffnete die Lippen.

"Ist das - ?"

"Weißt du noch? Ich habe dich gerügt, als du damit gespielt hast."

Behutsam hob Mallo ein staubfarbenes Kleid aus der Truhe und betrachtete es. Und all die anderen Stoffe, Stickereien von goldenen Blumen, gewobene Schals und Schmuck aus Naevi, Federn, Spitze, Perlen.

"Ich wollte nicht, dass mein Sohn die Sachen seiner Mutter kaputt macht", gestand Elian mit zynischer Eigenrüge, "Aber mein Sohn sieht nun so sehr aus wie seine Mutter, dass er sie haben soll. Mach damit, was du möchtest, Malen. Und was zu dir nicht passt, schenke Gwen. Ich glaube, das wäre in Cevels Sinn."

Erschlagen lächelnd wischte Mallo sich über die Stirn, wechselte einen Blick der schätzenden Dankbarkeit mit Elian und besah die Kleider mit Liebe.

"Sie werden wieder alle 'Mädchen' zu mir sagen", höhnte sie.

"Das ist doch gut. Oder nicht?"

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Mallo
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   Mi Jul 13, 2016 8:29 pm

"Manchmal ist es... zuviel." Ihrem Gesichtsausdruck zu entnehmen war, dass "zuviel" noch eine Untertreibung darstellte.

Sie saßen auf der Schwelle vor der Kräuterstube, die Beine angezogen oder ausgestreckt, und schauten in den Himmel, der schon den ganzen Morgen zugezogen war. Ceres schwieg eine Weile.

"Hmm", antwortete sie dann und schon fuhr Mallo fort.

"Ich hab mich vor sowas immer gedrückt. Ich wollte nie so viel mit Menschen zu tun haben."

"Aber jetzt siehst du, dass du etwas Gutes tust, richtig?"

Mallo nickte stumm.

"Manchmal ist die größte Erfüllung, sich zu überwinden", sagte die Kräuterfrau darauf. Ihre Gesprächspartnerin hob bitter einen Mundwinkel und zog am Tabakstängel. "Ohne, dass du dir selbst etwas beweisen musst, tust du etwas aus einem selbstlosen Motiv heraus und dann stellst du fest, dass du ohne es zu merken eine deiner Ketten gesprengt hast."

"Zu Manchem kann man sich nicht überwinden", erwiderte Mallo unbeeindruckt und als sie Ceres' fragenden Blick auf ihren Profil spürte, erläuterte sie. "Nicht weit vom Kapitänshaus wohnt eine alte Frau. Sie hustet, immer. So laut, dass ich's bei mir oben höre. Keine Ahnung, was sie hat, aber es wird sie bestimmt umbringen, früher oder später. Sie lebt allein, keiner schert sich um sie. Manchmal kommt eine Jüngere vorbei, vielleicht eine Bekannte. Sie rauchen eine Pfeife zusammen, dann geht sie wieder. Ich hab keine Ahnung, was die Alte den ganzen Tag macht. Sie verlässt ihre Hütte kaum und wenn, dann schleicht sie auf den Markt, um sich zwei Steckrüben zu kaufen..." Mallos Gesicht verzog sich schmerzlich, in Aussicht des Fazits. "Ich kann ihr nicht helfen. Alles sagt mir, dass es möglich ist. Alles schreit, dass ich es muss. Aber ich kann nicht."

"Warum nicht?"

"Das will ich auch wissen. Warum nicht? Irgendwann bin ich an ihrer Stelle und dann freue ich mich auch über einen ernst gemeinten Gruß von 'nem Nachbarn. Aber wenn ich an sie denke, dann..." Unbemerkt führte sie eine Hand an die Brust. "Es zieht sich alles zusammen. Und ich erstarre."

Ceres' Miene ging in einem milden Lächeln auf.

"Du hast Mitleid, Malen."

"Selbstverständlich hab ich Mitleid. Und Angst."

"Wovor?"

"Keine Ahnung. Sobald wir sprechen, ist sie nicht mehr fremd. Und dann geht mich ihr Tod etwas an. Und er ist nah."

Ceres musterte Mallo von der Seite, eine lange und geduldige Zeit. Dann presste sie die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.nach

"Du weißt...?"

"Ich weiß, das ist falsch", fuhr Mallo ihr sanft ins Wort, "Aber es gibt so Viele, die unsere Hilfe brauchen. Und mein Einsatz ist nicht verschwendet, wenn ich denen helfen kann, denen ich helfen kann... oder?"

"Es ist deine Entscheidung", antwortete Ceres nach einer Weile, "Kein Mensch ist mehr wert als der andere, in diesem Sinne ist nichts davon besser oder schlechter." Sie spürte, wie Malen sich regte, um zu widersprechen, fuhr aber fort: "Ich verstehe deine Hinderung. Es ist nicht immer leicht, sich den Bedürfnissen der Not zu öffnen, vor allem nicht, wenn sie so konkret und nah ist."

Mallo schwieg. Sie wand die Hand um den Korb mit Schüsseln mit Kartoffeleintopf; Heute in der Gemeinschaftshatte wrde sie wieder an die Flüchtlinge und ihre Kinder umsonst verteilen, die es noch nicht geschafft hatten, sich eine eigene Hütte zu ergattern. Sie nickte knapp, als sie sich langsam erhob.

"Das ist etwas, das geht dem zuwider, wie ich aufgewachsen bin. Für die Menschen ist das gut. Und wichtig. Und richtig. Für mich ist das anstrengend. - Danke für deine Hilfe." Um das zu unterstreichen, hob sie den Korb etwas an.

"Du gewöhnst dich sicher dran", sagte Ceres mit weicher Zuversicht, "Ich hatte Glück - meine Familie ist gesund, hat keine Feinde, ein Haus. Aber die Masse entbehrt so Vieles. Ihr leistet so gute Arbeit. Neome, du, Jael, Gwendola, Raûl. Heribas." An dieser Stelle wurde ihr Lächeln gedächtnisvoll, tief. "Ich glaube, wenn die ersten Unruhen sich erstmal gelegt haben, werden die Leute sich an euch erinnern. Und zwar im Guten." Sie neigte sich vor, um Malen zu umarmen. Inzwischen bemerkte man ihren Umstand, aber nur, wenn man davon wusste. "Oh! Fast hätte ich es vergessen. Bevor du gehst: Komm nochmal kurz mit rein." Sie löste sich und wunk Malen in die Hütte. Verwundert blickte die zweite Chirya auf und folgte; innen schepperte Ceres schon mit Blechen und Töpfen. "Ich will, dass du etwas probierst", sagte sie im Tun. Aus einer Braunglasflasche zog sie etwas Durchsichtiges, Dickflüssiges in eine Kanüle und füllte es in eine Phiole.

"Was ist das?", fragte Mallo argwöhnisch, aber die Kräuterfrau antwortete nicht. Sie klemmte die Phiole in eine Feuerzange und hängte sie über den Herd. Von irgendwo weiter hinten im Raum zauberte sie einen Kolben hervor und kämpfte eine Weile damit, ein kleines Rohr in dessen Öffnung zu schieben. Indes begann die Pampe über dem Herd, langsam Bläschen zu werfen. Der leere Raum der Phiole füllte sich mit weißem Dampf. "Das platzt gleich", sagte Mallo und zeigte alarmiert auf den Herd. Klack! Da hatte Ceres das Rohr irgendwie in den Kolben gesteckt und eilte herbei.

"Das gehört so", erklärte sie knapp. Mit einem Geschirrtuch bewaffnet umgriff sie die Phiole, hob sie vom Herd, steckte den Kolben dran und umschloss alles mit dem Tuch, sodass nur das Röhrchen herausschaute. "Zieh dran", befahl sie und reichte das Gebilde ihrer Landsfrau, aber die machte keinerlei Anstalten, das explosive Gemisch an sich zu nehmen.

"Wie, ziehen?"

"Wie am Strohhalm", sagte Ceres ungeduldig und fuchtelte mit dem Tuch, "Los, mach schon, solange es noch heiß ist!"

So behutsam Malen den Korb mit den Schüsseln absetzte, so tapfer und doch zweifelnd griff sie nach der Phiole; Aber Ceres' Eile schwappte auf sie über und sie zog.

"Und?", fragte die Kräuterfrau mit leuchtenden Augen. Ihre Blicke rissen voneinander ab, als Mallo ausatmend hustete. Ein Schwall schweren Dampfes verließ Mund und Nase.

"Wa Tschad, was ist das?!", krächzte sie, fuchtelte lachend den Dampf fort - und zog gleich nochmal - doch das Rohr schien leer. "Das ist irgendwie gut. Das schmeckt nach... Holz... und Saft, oder so."

"Sag ich nicht", antwortete Ceres, klatschte mit diebischer Freude in die Hände und streckte eine aus, um das Utensil an sich zu nehmen, "Es ist noch in Arbeit. Aber bis es fertig ist, verrate ich es nicht. Sonst klaut mir Einer das Rezept. Also kann man es rauchen, ja?"

"Das erinnert mich an die Nebeleiche. Nur anders. Vielleicht besser. Kratzt mehr." Mallo fuhr sich über den Hals. "Ja, klar."

"Würdest du bei mir ab und zu probieren? Vielleicht gelingt es mir bis zu eurem Feldzug, sowas zum Mitnehmen herzustellen."

"Auf jeden Fall. Aber in Kelriothar schmeckt eh alles anders."

Ceres hob die Schulter.

"Das habe ich gehört. Aber versuchen kann man es ja. Danke, Malo. Wenn du mir irgendwo noch einen Schmied auftreiben kannst, der mir so einen Kolbenaufsatz machen kann, der auch noch dicht hält, kriegst du eine ganze Flasche Stärketrank umsonst."

"Prima", antwortete Malen und verzog das Gesicht; dieses Ding war das erste, was er aus Ceres' Händen probiert hatte - womöglich war dieser Stärketrank ebenso, sagen wir, gewöhnungsbedürftig.

"Ich wollte ja, dass Argo mir so etwas macht", fuhr die Kräuterfrau fort, "Aber -"

"Ich bin Pferdezüchter, kein Schmied!", tönte es von irgendwo tiefer im zugestellten, verhängten Haus. Vielsagend hob die Ehefrau Blick und Hand.

"Du siehst."

"Wird gemacht." Mallo nickte und hob wieder den schweren Korb, aus den Knien. "Bis morgen oder so." Ein trockenes Lächeln zum Abschied; Sie räusperte sich angetan, als sie zur Tür ging.

"Bis morgen. Ach, Malen? Wenn du deine Nachbarin siehst. Die alte Frau. Schick sie doch mal zu mir. Vielleicht fällt mir irgendwas für sie ein."

"Vielleicht."

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Mallo
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   So Aug 28, 2016 10:55 pm

Gefechte hatte es auch andernorts gegeben. Ob politischer, kultureller oder persönlicher Natur. Gefühlt war keiner der Oshead und selbst das ganze Reich nicht davon verschont geblieben. Gefechte hatte Malen noch aus der Kelriothar mit sich durch das Portal genommen und trug sie bis heute; und keines war zuende gefochten.

Hier hatten sie sich gestritten, las sie in den Spuren von verdrecktem Schnee und Eis, wahrscheinlich um einen notdürftigen Schlitten, dessen Kufen ungelenke Kerben weiter nach Süden hinterlassen hatten. Hier war einer erschlagen worden. Und ein paar Klafter weiter war der nächste gestorben; denn nicht einmal das neu erkämpfte Gefährt hatte ihm seine Kräfte zurückgeben können. Seine Überreste lagen hier, teils von Vögeln zerrupft und vermischt mit durchfeuchteten Holzsplittern. Er hatte ein Kind bei sich gehabt.

In solchen Momenten war Malen froh gewesen, Vhenan bei sich zu haben. Sie achteten aufeinander, schützten sich gegenseitig vor den Widrigkeiten des nach Süden hin abflauenden Winters; aber von Herzen hatten sie immer noch nicht gesprochen. Dies war nicht die Zeit dafür gewesen, noch ihre eigentliche Aufgabe. Und so verstanden sie sich, wie öfter schon zu friedlicherer Zeit, ohne viele Worte, wofür Mallo sehr dankbar war. Sie fühlte keinen Zorn gegen Vhenan, aber seit der letzten Schlacht war ihr Verhältnis überschattet und auch wenn sie es sich selbst nicht eingestand, scheute sie sich vor der Konfrontation, je weiter sie fortrückte.

Sie ließen Tinderos zu ihrer Linken liegen und es war heilsam zu fühlen, dass jenseits des Bergpasses die Erde weicher wurde, dass hier sogar noch der eine oder andere Grashalm von vor der Katastrophe überlebt hatte. Als ein Fink abends zwitschernd ihre Köpfe überflog, war es, als kehrte ein kleiner Geist des Frühlings heim. Totes Tier wurde weniger, Menschen hatten sie seit einer geraumen Weile nicht mehr gesehen; aber jedes Mal, wenn eine Siedlung nicht weit fort war, konnten sie kleine Grüppchen erspähen, die diese ansteuerten, oder hören, dass Aufruhr die Dörfer wachhielt. Leben, viel Leben war hier, und es hinterließ ein Gefühl von Chaos und Leid.

Sie umrundeten Orons Grenzen südwärts; hier kannte Malen sich wieder aus. Als wäre die Expedition mit Wamai in einem anderen Leben gewesen oder im Traum ihr erschienen, erinnerte sie sich an die Zederoase, an der sie rasteten und Datteln entdeckten, die von der Katastrophe verschont geblieben waren. So stand es um die Länder westlich von Shäekara: Sie lebten, noch oder wieder, aber sie lebten größtenteils. Enek hatte ihre Gebete erhört und sie hatten dem Gefecht mit dem Winter standgehalten.

Zurück in Gutenbucht mussten sie bald feststellen, dass ihr Umweg umsonst gewesen war. Nicht nur hatte die Herrschaft selbstredend lange vor ihnen den Heimathafen erreicht, nein - die Menschen, denen sie unterwegs begegnet waren, Fliehende aus Richtung Shan Meng-Feyn, hatten ihr Ziel in Shäekara gefunden und es herrschte bereits gute Kenntnis darüber, wie es sich zwischen den Lehen hielt. Doch um sich lange darüber zu ärgern, ließ man ihnen kaum Zeit: Einen Tag und eine Nacht ruhen. Dann streckte der Gutenbuchter Alltag die gierigen Hände auch nach ihnen aus, als seien sie nie weggewesen. Und zog sie voneinander fort.

Bis auf die erste Nacht schlief Mallo seltener im Kapitänshaus, sondern übernachtete zunehmend bei Gwen. Die bedachte Leichtigkeit der Ghalmarin zerstreute ihr Herz und war ihr vielleicht eine angenehmere Gesellschaft denn je. Gwens Liebreiz, ihre tollpatschig menschliche, unverblümte Freundlichkeit ließ viele graue Wolken in den Hintergrund treten; nie verschwinden, aber auch mal die Sonne sehen, sodass Mallo sich bald der neuen Aufgabe zuwenden konnte, die sie von Neome nach ihrer Rückkehr erhalten hatte.

Sie hasste sie aus ihren eigenen Komplexen heraus, aber sie hatte es Jael, dann Neome und schließlich sich selbst versprochen und umso erbitterter erklärte sie diesen Komplexen den Krieg. Mit Fokus und Ingrimm verschaffte sie sich einen Überblick über die Geflüchteten und die Verhältnisse zwischen den Ortac-Völkern, so gut sie konnte, aber wichtig war, zu handeln und nicht lange nachzudenken. Sie trat offen unter die Menschen, sprach sie an im Namen der Stadt, schloss sich den Gutenbuchter Helfern an, bereute mit ihnen Untergebrachte in der Gemeinschaftshalle und ging mit Heimlosen und Kindern von Tür zu Tür der Hütten - die unter Vhenans und ihren Händen gewachsen waren, irgendwann, es schien so lange her -, um sie anzusiedeln, wo noch Platz war. Oder Platz gemacht werden konnte. Sie war dankbar und erleichtert über jedes Chiryagesicht, das ihr und ihnen mildgeistig die Tür öffnete, handelte mit den Naihlar Abmachungen und Kompromisse aus, schüttelte Hände mit den Ghalmaren. Mit den Naeviten zu argumentieren und ihnen nicht selten zu unterliegen war am schwersten. Gutenbucht war noch voller als sonst, und wo Malen vor dem Feldzug schon den Eindruck hatte, die Siedlung könne viel mehr Menschen nicht fassen, wurde sie hier mit unausweichbarer Gewalt eines Besseren belehrt: Auch Gutenbucht focht ein Gefecht, und es musste siegen.

Es bestätigte sie in dem Stein in ihrem Magen, dass sie Jael so selten zu Gesicht bekam, wie es vor dem Feldzug der Fall gewesen war. Hin und wieder erspähten sie sich in der Stadt, niemals allein. Er in Gesellschaft von Leuten, die sie meinte, von irgendwoher zu kennen, zumindest zum Teil, Geister eines früheren Lebens. Sie mischte sich nie ein. Sie schenkte ihm den Gruß eines zaghaften Lächelns und zog weiter. Ob er es je vernahm, wusste sie nicht; aber sie erinnerte sich an die letzten Jahre in Chirya, erkannte mit Unwohlsein die Gewitterwolken um seine Brauen wieder - und ließ ihn tun, was immer er tat. Schon damals blühte er in der Gesellschaft derer, die er sich selbst ausgesucht hatte, am prächtigsten, derer, mit denen er stritt. Sie war es gewesen, die ihn aus den Reihen seiner Kameraden gerissen hatte, wie eine Blume mitsamt der Wurzel. Vielleicht war es ihre Schuld, dass er den Strukturen bei den Oshead so begegnete, wie er es tat; weil er nur wegen ihr diesen Weg gegangen war... Weil er dachte, dass er hier nicht hingehörte...

Als Malen sich das erste Mal bei diesem Gedanken erwischte, hielt sie inne, schluckte hart, nahm Kräfte zusammen und schob ihn mit Gewalt beiseite, um Elian zu lauschen. Sie und Ceres saßen oben in der Kräuterstube bei einer Tasse irgendwas, was Malen nicht interessierte, an seinem Tisch. Eben hatten sie von einer Versammlung erzählt, vor wenigen Tagen am Platz der Zusammenkunft, der Jael beigewohnt hatte: Ein Gutenbuchter hatte sich mit einem Ghalmaren in die Haare bekommen, weil Letzterer nicht aufhören wollte, Ersterem Angebote zu seiner zweiten Hütte zu machen. Der Gutenbuchter aber hatte Vorbehalte und den Neuankömmling beleidigt und so den Streit nach außen getragen. Als die Chirya aus der Gegend davon Wind bekamen, sammelten sie ein paar Schlichter und gemeinsam entschieden die Völker, dass der Ghalmar die Hütte haben sollte - dafür würden dessen kräftige Söhne dem Gutenbuchter auf seinem Acker helfend zur Hand gehen. Alle waren einverstanden und Elian sagte, dass die Stimmung der letzten Zeit dahin ginge, Scherereien in Zukunft gemeinsam und bei Bedarf auch öffentlich zu klären, damit jedes Volk - jede Gruppe, wie er sich gleich verbesserte - eine Stimme vertreten haben wüsste, wie es sich gehört.

Als Malen ihre Angehörigen an diesem Abend verließ, hatte sie einen klaren Plan: Noch schnell nach den inzwischen vage Bekannten sehen, die so brüderlich gewesen waren, ein paar Leute aus Shan Meng-Feyn aufzunehmen und dann zu Hafen, zu Gwen, zu der Taverne, Planken prüfen, mehr ranschaffen, Lehm hochziehen, Pläne wälzen, um dann mit ihrer Freundin einen zu trinken und besinnungslos in den Schlaf zu fallen, bevor der nächste Tag mit seinen Herausforderungen aufwartete. Sie stockte, als sich Ceres' Tür hinter ihr schloss.

Dort, an einem verglimmenden Feuer vor einer Hütte mit offener Veranda, saß er, hatte die Hände vor den Lippen gefaltet und hörte sich etwas an, was ein Landsmann ihm erzählte. Hin und wieder nickte er, konzentriert ins Leere starrend. Sein Haar fiel über angespannte Schläfen.

"Ich und die, die ich so kenne, halten es so. Ich finde, wir haben mit dem, den sie 'Statthalter' nennen und Neome schon genug fähige Obrigkeit, wir brauchen nicht noch mehr", sprach jemand unlaut in ihrer Nähe.

Leise fuhr Malen herum und entdeckte eine Gruppe Chirya: Zwei junge Kerle und einen alten. Sie trugen zweckmäßiges, aber leichtes Tuch aus Weiß und Hellblau und waren mit Wildleder umgurtet.

"Er will doch nicht unser Oberhaupt sein. Er setzt sich ein. Das geht an uns nicht vorbei", erwiderte einer der Jüngeren, der mit findigem Blick, "Und auch wenn ich dir zustimme, respektiere ich seine Bemühungen sehr. Er kämpft für das, was wir zuhause aufgegeben haben."

"Ich respektiere sie auch, Erean, ich auch, versteh mich nicht falsch; aber ich sehe in ihm... eine Seele aus einer Zeit, die wir am liebsten alle vergessen würden. Ich bitte euch nur, achtsam zu sein mit eurem Vertrauen. Wir wollen Frieden haben. Wenn ihr jemandem also folgen wollt, wägt es gut ab. Und betrachtet denjenigen zumindest mal von außen." Jetzt sah er in Richtung Jael und der Leute bei ihm und atmete durch. "Es ist alles nicht so einfach. Nicht einfach gut oder schlecht. Er ist nicht unser Heilsbringer. Das ist hier niemand, außer der Seele des Volkes. Ich bleibe skeptisch."

Mallo räusperte sich, als sie das Gefühl hatte, dass die Jungen schwiegen und das Gesagte auf sich wirken ließen.

"Ihr, Herren. Ihr kommt zurecht?"

"Bist du nicht das Mädchen aus der Gemeinschaftshalle?", fragte Erean zurück.

Malen musterte die Landsleute, konzentriert und mit nachbarschaftlicher Sachlichkeit.

"Die neuen Leute machen euch keinen Ärger, oder?", vertiefte sie die Frage, anstatt auf Ereans Formulierung einzugehen.

Der Alte lachte leise.

"Ach was. Wir wissen doch alle, wie das ist, vielleicht am besten von allen Leuten aus Ortac." Nüchtern schmunzelnd zuckte er mit den Schultern. "Irgendwann wird die nächste Ernte schon kommen. Und bis dahin wird brüderlich geteilt und zusammen fürs Brot gearbeitet. Wir brauchen nicht noch einen Krieg. Einen dritten."

Erean und sein Kumpel entließen Laute der freundlichen, bitteren Zustimmung, als sie alle vier Bewegung auf dem Platz vernahmen; denn er füllte sich nach und nach mit Menschen, allen voran Naihlar, die sich entgegenkamen und mit forschen Gesten und Rufen auf Chollodann sich irgendetwas zuwarfen. Plötzlich herrschte Aufruhr. Die Chirya sahen sich an.

"Was rufen die da, was ist da los?", fragte Ereans Freund.

"Wartet", bat Mallo und hielt die Hand offen in die Höhe, um wenigstens Wortfetzen aufzuschnappen, die sie mit Glück verstehen würde, "Mwezed... gak ba mwezed mi scarth aen icanth..." Sie wiederholte das Gesagte, verkrampft und mit zusammengekniffenen Augen, um der Bedeutung habhaft zu werden, bis ein Name fiel.

Avraim.

"Avraim", brachte Mallo hervor und öffnete schlagartig die Augen, "Avraim ist im Hafen gelandet, mit drei Schiffen in Rot und Schwarz."

"Wer bei den Weltenlenkern ist Avraim?" Erean lachte verzagt.

"Der Vater unserer Pakata. Ein Großer unter den Naihlar. Er leitete die ersten Expeditionen hierher, nach Mythodea."

"Hey! Bursche." Der Alte klatschte einem Jungen auf die Schulter, der die Straße hinauf aus Richtung Hafen an ihnen vorbeirannte: "Bleib mal kurz da. Zwei Kupfer, wenn du uns sagst, was da los ist."

Der Bub pustete aus. Er hatte ordentliches Haar und trug eine glatte Tunika mit kantigem Goldbesatz. Naevi, schoss es Mallo durch den Kopf.

"Da ist so ein wichtiger Seeräuber angekommen, mit drei Schiffen. Er hat einen Archontensohn dabei, aus Novinz. Die gehn jetzt mit der Pakata Neome und dem Einäugigen Statthalter ins Kartenhaus, aber da soll keiner sonst so mit, haben die Erwachsenen gesagt."

"Wo rennen die denn dann alle hin?", fragte Erean belustigt.

"Alle sind neugierig." Der Bub zuckte mit den Schultern und streckte die offene Hand in Richtung des Alten. Dieser knurrte etwas und drückte dem Boten eine Münze in die Hand.

"Einen Archontensohn also... ich mische mich da nicht ein. Wir werden schon früh genug erfahren, was da los ist. Es ist, wie wenn gekocht wurde: Wenn sich alle auf einmal draufstürzen, dauert es nur noch länger."

"Ich werd hinsehen", sagte Mallo offen. Sie löste den Blick von dem Fleck, an dem sie Jael zuletzt gesehen hatte. Er war fort. "Soll ich euch was mitbringen, außer Information, die euch betrifft?"

"Ich nehm einen guten Wein!", scherzte Ereans Begleiter fröhlich.

Die Männer winkten ihr nach.

Fortsetzung: Im Kartenhaus
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   Do Feb 16, 2017 12:42 am

"Wo ist er? Lebt er noch?" Ohne Einladung durchmaß sie wehenden Umhangs die Wohnküche der Kräuterfrau, die gerade dabei war, einen Teller abzutrocknen.

"Malen." Kaum ein Gruß, schüttelte sie die Verblüffung ab und fing den Faden auf. "Wer von beiden?"

"Der Morgenkelch. Die Blume."

Ceres öffnete die Lippen.

"Der... steht bei deinem -"

Mitten in ihrem Wort nahm Malen die Stufen zum Überboden hoch, immer zwei auf einmal, und verschwand hinter dem Vorhang.

"... Vater auf dem Fenstersims", fuhr Ceres ins Leere fort, "Schön dich zu sehen!", sang sie nach oben. Dann fuhr sie mit ihrem Tun fort.

Als Malen zurückkehrte, sie war mit den Gedanken schon ganz abgedriftet, war der Schritt der Kundschafterin gebremst und der Zunder verflogen.

"Dieses Ding. Das ist mir ein Rätsel." Sie nahm wuchtig am Esstisch platz und stemmte das Kinn in die Hand.

"Ich hatte gehofft, du bringst Nachrichten", sprach Ceres mild. Sie setzte einen Kessel aufs Feuer und lehnte sich dann gegen die Küchenplatte. Ihren Bauch trug sie inzwischen wie eine kleine Kugel mit sich herum. "Wie war es da oben? Was müssen wir wissen?"

Es rumpelte um die Ecke, Elis und seine zwei Naihlarfreunde trampelten aus dem Hinterzimmer und auf die Straße, Mallo mit fröhlichen Rufen zugewunken. Sie sah den Kindern müde, aber anhaltend nach, bevor sie Ceres antwortete - als sie letztendlich allein waren.

"Was ich dir sage, bleibt am besten erstmal unter uns. Kehr es erst heraus, wenn es wichtig wird", sicherte sie sich ab. Dann senkte sie den Blick in die Gedanken an die Reise, die ihr noch in den Knochen hing. "Karl Weber vermutet Esthaer in Anor'Tho. Das ist Östlich der Passzipfel über Oron. Die erste Stadt des Ostreiches, wenn man so will. Er will sie umbringen. Dahin ziehen sie jetzt. Ansonsten ist Vhenan wieder zurück nach Shan Meng Feyn, Jael ist ein Idiot und Neome denkt drüber nach, sich wählen zu lassen."

Stille breitete sich aus, genauso wie Ceres' Blick. Ihre Hände waren am Geschirrtuch erstarrt. Einzig der Kessel blubberte über den Flammen.

"Warte mal, langsam. Eins nach dem Anderen. Sie wollen Esthaer... umbringen?"

"Ja, angeblich kann Karl das. Als Archon. Er ist zuversichtlich. Frag mich nicht warum, aber ich stell ihn nicht in Frage. Sonst werd ich wahnsinnig."

"Aber sie leben alle noch? Was ist mit Raûl? Arden? Asdan?"

"Alle Oshead leben. Ein paar Verluste hatten wir. Weißt du ja. Mehr sind's bisher nicht. Unsere Jungs waren nicht da, nur Jael, stellvertretend. Es geht ihnen gut. Und die Söldner stellen sich auch gut an."

Ceres ließ die Schultern sinken. Ihre Erleichterung war eine getrübte.

"Das ist schön zu hören. Ich hoffe, sie machen keine Dummheiten. Aber wenn sie jetzt mit Karl ziehen, weiß er, was zu tun ist, oder?" Sie sah den Ausdruck auf Malens Gesicht und zog ihren Schluss. "Warum ist Jael ein Idiot?"

"Weil er er ist." Malen schluckte den Kloß in ihrem Hals. Heiser erzählte sie ihrer Freundin den Plan mit der eroberten Rüstung, der Waffe der Tivar'Kharassil, dem irren Lächeln in Jaels Mundwinkeln, als es sich immer mehr in seinem Verstand manifestiert hatte. Sie zog die Brauen zusammen und starrte die Tischplatte an. "Bestimmt hatte er erst diese Idee, als ich mit dem Passzug über die Berge kam. Vielleicht bin ich schuld daran, wenn er es nicht.." Sie sprach den Satz nicht zuende.

Ceres schüttelte vehement den Kopf und trat näher.

"Das schlag dir schnell aus dem Kopf, Malo. Das sieht dir gar nicht ähnlich. Du kennst ihn. Er kam aus sowas doch sonst auch immer heil raus."

"Er hat am selben Tag noch eine Ouai gefragt, wie man am besten einen Kell'Goron tötet."

"......" Sie biss die Zähne zusammen und schenkte Tee ein. "Das... war sicherlich nur eine Hypothese."

Die Frauen schwiegen eine Weile. Melisse breitete sich in der Luft aus.

"Was haben Vhenan und Neome dazu gesagt?", krächzte die Kräuterfrau, als sie sich niederließ und ihren Bauch vor sich bugsierte.

"Nicht viel, glaube ich. Wahrscheinlich sehen sie es wie du. Sie kennen ihn. Schätzen ihn. ... Glauben an ihn."

"Und du?"

"Vergiss es."

"Und was macht Vhenan?"

Dankbar für den Themenwechsel nahm Mallo einen Schluck Tee.

"Sie hat ihren eigenen Kampf in Terras Gärten. Es geht ihr nicht gut. Sie wird dieser Handhabe nicht Herr und das macht sie fertig. Ich... weiß es langsam auch nicht mehr. Sie muss vielleicht mit den Weisen sprechen. Mit den Ouai. Vielleicht haben die sowas schonmal erlebt. Aber sie und die Ouai... lange Geschichte."

"Ich weiß", antwortete Ceres mit Sanftmut im Blick. "Hat sie dort nicht Gelegenheit dazu?"

"Wahrscheinlich. Aber ob sie sich durchringt? Ich glaube, dieses... diese Beschäftigung mit sich selbst tut ihr gut. Besser, als sie selber denkt. Ich glaube, sie lernt. Auch wenn es nichts bringt für ihr Problem. Und vielleicht hat sie irgendwann den Willen, zu den Ouai zu gehen. Manchmal -" Sie trank ein wenig - "stelle ich mir vor, ich bin da und trete ihr in den Hintern. Und schleif sie in diese verdammte Bibliothek. - Übrigens. Es ist möglich, dass bei uns im Süden ein verborgenes Aerisportal liegt. Ich will es suchen gehen, im Frühjahr."

"Eine neue Expedition?"

Mallo nickte.

"Wenn wir den Winter gut überstehen. Und ich weiß, dass hier Leute statt Meiner auf alles aufpassen. Stell dir vor, was das mit unserem Handel macht."

"Das Geld würde der Stadt nicht schaden... und Loravinde auch nicht", schloss Ceres. Ihre Augen glänzten wie bei der Erinnerung an einen sehnsuchtsvollen Traum, den sie nicht am Entrinnen hindern konnte. Dann fokussierten sie sich auf einem neuen Gedanken - das aber fest. "Und was war das mit Neome?"

"Miro hält sie für geeignet. Wenn Esthaer dann nicht mehr ist..." Mallo richtete die Haltung. Zum ersten Mal spielte sowas wie ein Lächeln um ihre Mundwinkel, Stolz mischte sich in die Sorge. "Ich dachte das schon lang, aber sie hatte das nie ernst genommen. Und jetzt... denkt sie darüber nach."

"Das wäre... unglaublich."

"Ja."

"Aber der Weg ist lang, oder? Und es gibt sicher Konkurrenz?"

"Auf jeden Fall." Und dann, wie ein Pfeil, der seinen Bogen selten, aber wenn, dann sauber gezielt verlässt, sah Mallo Ceres in die Augen. "Was hältst du davon?"

Die Kräuterfrau ließ sich Zeit mit einer Antwort und ging in sich.

"Neome hat mir bewiesen, dass sie eine fähige und faire Anführerin sein kann. Sie kennt dieses Land inzwischen so viel besser als ich, dass ich es nicht beurteilen kann. Aber ich sehe, dass sie sich bemühen würde, eine ebenso fähige und faire Herrscherin zu sein, wenn ihr Herz daran liegt. Und da es um uns geht, glaube ich das."

Mallo sog die Küchenluft ein und ließ diese Worte auf den getrübten Verstand wirken. Dann lehnte sie sich zurück und zog den Harzkolben aus der Tasche, was Ceres ein neues Schmunzeln entlockte.

"Ich sehe, euch hat's nicht erwischt?", fragte die Kundschafterin mit einem angedeuteten Rundblick, auch die Kinder mit einschließend, bevor sie in einer Dampfwolke versank.

"Nein. Sie leben ja bei mir. Irgendwie hatten wir Glück. Elian und Argo sind auch wohlauf, sie sind an den Nordgrenzen oben unterwegs. Ihr hättet euch begegnen können."

"Hätte-hätte-Muschelkette." Plötzlich ging ein Ruck durch Mallos Glieder. Sie beugte sich nach vorn, um hastig irgendwas Weiteres aus ihrer Tasche zu ziehen. "Ich habe mit Myrea Fuchshain gesprochen. Sie hat uns Anweisungen gegeben, wie wir diese beschissene Grippe endlich loswerden können. Warte." Ihr Buch war es. Sie knallte es auf den Tisch, Dampfschwaden von sich stoßend, wickelte es auf und blätterte. "Hast du schonmal was von Carbol gehört?"

Das war ihr Stichwort. Ceres' Blick wandelte sich von einer aufnehmenden Begierigkeit in angestachelte Expertise. Sie stemmte sich auf die Füße und schlappte ins Hinterzimmer.

"Dafür kann man was verkochen", rief sie derweil, "Vielleicht habe ich was da. Sprich weiter!" Knister. Schub. Schub. Klirr. "Hoppla. Sprich weiter!"

Malen senkte den Blick wieder auf ihre Notizen.

"Wir brauchen Weidenrinde und Thymian - den hab ich selber - kannst du Tee kochen damit? Viel Tee?"

"Hab ich schon - ja!"

"Außerdem Pfefferminze und Salbei. Und Suppen, wir müssen alles Fett von den Ziegen sammeln. Und ätherische Öle, die man essen kann."

Als sie endete, schlurfte die Kräuterfrau wieder in die Küche, beladen mit einem Armvoll Phiolen und Tiegel.

"Ich habe mir schon ein bisschen was zusammengesammelt, aber für die ganze Stadt werden wir viel mehr brauchen. Ich allein -"

"Ich weiß, natürlich, das meinte ich nicht. Wir werden die Gemeinschaftsküche wieder hernehmen fürs Kochen. Anders geht's nicht. Außerdem hat Myrea gesagt, müssen wir die Kranken unbedingt von den Gesunden trennen. Wir werden alle Tavernen räumen müssen, damit wir sie dort pflegen können."

"Bei den Weltenlenkern, immer wieder kommt uns das Leben mit Hindernissen. Aber wäre ja gelacht, wenn wir nicht auch das schaffen!" Munter und angestachelt setzte sie sich wieder auf ihren Platz. "Warst du überhaupt schon zuhause?"

"Ich war bei Gwen. Sie antwortet immerhin wieder und das Fieber ist nicht mehr so stark. Dharna sagt, sie schafft es."

"Sie ist ja noch jung. Ach, die arme Hafenhure. Nie wird sie fertig."

Mallo zuckte mit den Schultern.

"Das ist nicht so wichtig. Was sollen wir mit einer neuen Taverne, wenn die halbe Stadt draufgeht?" Sie leerte ihren Teebecher und erhob sich langsam. "Ich will nicht, dass du mit in die Tavernen gehst", sagte sie zuletzt, als ihr Blick Ceres' Bauch hinabging.

"Das habe ich doch bedacht", erwiderte die Kräuterfrau zusichernd und sah davon ab, es Mallo gleichzutun, "Ich werde aber in der Gemeinschaftsküche helfen, solange ihr keine Kranken dorthin lasst."

"Deine Expertise hilft auch von hier aus. Hey, Myrea und Lion von Tiefenwacht wollen eine Heilerstätte ihres Rings in jedem Lehen errichten lassen. Vielleicht willst du ja mitmachen?"

"Das überlege ich mir, wenn Eleni da ist." Jetzt legte sie selbst die Hand auf ihren Bauch und sah bedächtig daran hinab.

"Wie lange noch?"

"Bis zum frühen Sommer, denke ich."

Ein Ruck der Milde ging durch Mallos Brauen. Er sah geknickt aus.

"Sie wird die Sonne als erstes sehen. Oder er. Sehr gut." Sie räusperte sich geschäftig und steuerte die Treppe an. "Ich schaue jetzt daheim vorbei und dann im Kartenhaus. Vielleicht seh ich Guts und trete ihm in den Hintern. Den Morgenkelch nehm ich wieder mit. Danke euch."

"Mach das." Ceres verharrte und wartete mit der Frage, bis Malen mit der Topfpflanze unter dem Arm wieder auf dem Treppenabsatz erschien. "Warum hängst du so an ihm?"

"Ich hab die Aufgabe, ihn blühen zu machen", verkündete Mallo mit einem Anflug Amüsement, wissend, dass ihre Tarnung eine schlechte war, "weißt du etwas darüber?"

Ceres neigte den Kopf und angelte nach dem Blümchen, um Stängel und Erde unter die Lupe zu nehmen. Selbstredend knospte sie nicht.

"Ich habe schon sehr, sehr lange keinen Morgenkelch mehr blühen sehen", sagte sie. "Es ist eine kapriziöse Blume. Und wenn sie dann mal blüht, ist sie gar nicht mal so prächtig." Sie lachte leise. "Diese hier ist aber noch gesund. Die Erde ist noch sauber. Topf sie aber bei Gelegenheit bald mal um. Siehst du? Da am Rand hat sich Salz angesammelt. Das ist für ihre Wurzelchen vielleicht schon zu viel. Der Morgenkelch ist... wie eine anstrengende Frau. Er mag alles in Maßen und braucht Vieles, verträgt es aber nicht gut. Licht, Boden, Platz, Wasser, Nährstoffe. Alles in Maßen, in der richtigen Reihenfolge, zur richtigen Zeit. Sonst wird sie sich dir nie zeigen."

"Und was für Nährstoffe?"

"Ich weiß es nicht, Liebes. Ich bin ja keine Gärtnerin." Sie dachte eine Weile nach, mit dem Finger den Topfrand entlangfahrend. "Das letzte Mal, da ich einen blühen sah, das war... in Peneran." Die Frauen tauschten einen bedeutungsvollen Blick. "Vielleicht - ich will dir die Hoffnung nicht nehmen - wird sie hier gar nicht blühen. Oder du fragst einen Naeviten deines Vertrauens."

Sie lachten, jeder auf seine Art, diese Aussage zu interpretieren. Dann seufzte Mallo. Für einen Augenblick betrachtete sie den Morgenkelch wie Ceres' Bauch.

"Danke. Vielleicht fällt mir einer ein", sprach sie auf dem Weg hinaus.

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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   Sa Jun 24, 2017 9:37 pm

Wenige Tage nach dem Konvent 16 n. d. E.
Jael & Mallo
Kommend von: Der Hafen von Takbal


Seine Sticheleien, seine anscheinende Laune und seine Nähe hatten sie gelöst. Fröhlich schlenderte sie neben Jael die Straße zum Platz der Zusammenkunft hinauf. Hin und wieder gab sie einen flapsigen Spruch zurück und boxte ihm in die Seite; Die richtig schlagfertigen Erwiderungen auf seinen Blödsinn - das würde sie noch üben müssen.

Mallo nahm diesen Moment wahr und nahm ihn sich bewusst. Für diesen Nachmittag schob sie Vergangenheit und nächste Zukunft einfach von sich und aus ihrem Kopf und das war ihr anzusehen. Heute zählte für sie das Jetzt und sie genoss die Stunden der Heimkehr, des Zusammenseins und der Ruhe sichtlich.

Das kommt nicht so bald wieder. - - - Unsinn. Wenn du dafür kämpfst, dann schon.

Ein Chiryapärchen kam ihnen entgegen und grüßte sie im Vorbeigehen. Mallo grüßte sonnig zurück. Dann sprang sie die wenigen Stufen zu Ceres' Kräuterstube hoch... und schauderte innerlich. Aber dieser Schauder war voller Freude. Das Straßenfenster stand offen. Es roch nach frischgekochter Wurzelsuppe. Das Mädchen hob die Hand zum Klopfen, wandte sich zu Jael um und atmete tief durch.

"Bereit?"
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   So Jun 25, 2017 11:43 pm

"Kein Bisschen!" Jael, der noch am Fuße der Stufen verharrte, blickte zu ihr auf. Er ließ seine Brauen wippen und hatte die Arme mit ungeduldiger Anspannung in die Seiten gestemmt. In den Moment des Schweigens hinein konnte Mallos ihn kraftvoll atmen hören. Eine Strähne des braunen Haars hing ihm von der Stirn mitten ins Gesicht und baumelte dort jetzt, als hätte er sich kurzerhand selbst eine Rettungsleine mitgebracht. Nur für den Notfall.
Dann, nur einen Herzschlag später, strich er sich mit den Händen das Haar zurück und tat er den ersten Schritt die Treppe hinauf.
"Jetzt klopf schon, bevor ich es mir noch anders überlege", fuhr er fort und trieb sie mit energischem Handgewedel an.
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   So Jul 02, 2017 2:30 am

Zweimal bitten ließ Mallo sich nicht - aber sie wandte den Blick nicht von Jael ab, als sie ihre Fingerknöchel dreimal gegen die Tür senkte, sondern beobachtete sein Gesicht, als er ihr nachkam - bis man ihnen öffnete.

Der Mann auf der anderen Seite der Tür musste Argo, der Pferdeherr sein. Er war barfuß und trug leichtes Leinen: Eine einfache Bundhose und ein weites Hemd mit weitem Kragen. Seine Mähne und sein kurzer Bart waren dunkel, das Haar durchsetzt mit weißen Filzzöpfen, sein Gesicht schön, schlank und streng. Er war gewiss keine drei Jahre älter als Jael.

Der Anblick der beiden Landsleute ließ ihn erkennend lächeln und er öffnete die Tür weiter. Erst da sah man das Messer in seiner Hand.

"Tag!", grüßte er salopp, "Nur herein. Die Herrin des Hauses hat sich zur Ruhe gebettet."

Betraten sie die Kräuterstube, sahen sie auf der rechten Seite einen großen Herd, der den Wohnraum dominierte. Wie das Fenster zuvor verraten hatte, blubberte darin ein großer Topf über dem Feuer. Darüber hing allerlei Grün in kleinen Sträußchen - Salbei, Thymian, Minze und weiteres Gewächs, zum Trocknen. An den Wänden erstreckten sich Regale mit Phiolen, Flaschen, Einmachgläsern und Büchern. Linkerhand stand ein Tisch, an dem eine große Familie sich zum Essen zusammenfinden konnte. Gerade war er vollgestellt mit allerlei Kännchen und Töpfchen. Argo fläzte sich zurück auf einen Stuhl am Tisch und schnitt gemächlich eine Zwiebel fertig.

Etwas weiter hinten trennte ein leichter Vorhang die Küchenstube vom Hinterzimmer, und wo dieser Vorhang endete, führte eine Treppe hinauf auf den Hochboden. Der Schein einer Lampe erhellte den hinteren Raum und in diesem Schein sah man eine Frau in Kissen gebettet sitzen. Die umleuchtete Silhouette hob die Hand, als die Gäste eintreten.

"Hallo, ihr Zwei! Ich wink von hier, mit Verlaub. Mein Bauch bringt meine Füße um!", rief eine freundliche Stimme.

"Schon gut!", erwiderte Mallo und winkte zurück, auch wenn Ceres nicht so gut in die dunkle Wohnküche blicken konnte, wie andersherum, "Bleib sitzen."

"Argo soll euch was zu essen und zu trinken anbieten. Argo!"

"Ich kam ja gar nicht dazu, ein Wort zu sagen", schmunzelte der Pferdeherr, "Also: Fühlt euch wie zuhause. Ich koch euch gern irgendwas. Oder wollt ihr erst zum alten Herrn?"

Sein Blick ging vielsagend die Treppe hoch und Mallo sah fragend zu Jael.

"Ich... es ist besser, wenn du zuerst mit ihm redest. Allein", sagte das Mädchen an ihren Bruder gewandt, und doch lag in ihrem Blick eine Frage. Sie überließ Jael die Entscheidung, wie er das Gespräch führen sollte, wegen dem sie eigentlich hier waren.
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   So Jul 02, 2017 6:48 pm

"Grüß euch, Ceres, Argo. Wie geht es euch? Ich sehe, du hast auch schwanger die Hosen an behalten. Ja, ... also, einen Schluck Tee nähme ich schon. Das heißt, sobald, ja, wenn ich wieder unten bin", erwiderte Jael unter Lächeln und dem Reden seiner Hände und deutete dann mit lockerem Finger gen Decke. "Doch erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Zuerst will ich dem alten Herrn einen Besuch abstatten. Wir haben etwas zu bereden, er und ich."
Er schmunzelte sacht und legte Malen die Hand auf die Schulter. "Bin gleich wieder da. So lang wird das nicht dauern, glaube ich." Einen Moment lang wurde sein Blick warm, dann fest und entschlossen und als er sich abwandte waren seine Schritte zielstrebig und führten ihn direkt die Treppen hoch.
Man hörte ihn kaum, so leicht war sein Schritt. Er blickte sich nicht nochmal um.
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   So Jul 02, 2017 11:51 pm

"Kriegst du, du lieber Mann!", rief Ceres aus dem Hintergrund und wischte Argo Zeichen mit der Hand.

"Enttäusch mich nicht", sagte Malen leise. Sie schloss die Lider unter der Hand auf ihrer Schulter und wandte sich Jael ein wenig zu, als sie ihn entließ. Ehe er ging, drückte sie seine Hand. Es kam einem langen Kuss auf die Wange gleich.

Sie begleitete ihn noch ein Stückchen mit dem Blick, ehe sie kurz zu Argo sah, der spöttisch einen Mundwinkel gehoben hatte.

"Was?"

"Gar nichts! Ich spekuliere nicht. Was trinkt er denn am Liebsten?"

"Uh... Früchtetee. Oder Grünen. Oder Blüten. Vieles, eigentlich."

"Wir haben Malve da, frisch getrocknet!"

"Ist gut, Schatz." Argo setzte einen kleinen Wasserkessel aufs Feuer.

Oben erwartete Jael ein weiterer Vorhang, nur war dieser schwer und schluckte eine Menge Licht und Ton.

Das Dachgeschoss lag im Nachmittagslicht. Am hinteren Fenster saß ein Mann, gebeugt über einem Schreibtisch, und schrieb etwas. Graue Locken und silbriger Filz fielen ihm über die Schultern. In der Sonne schimmerten sie edel. Gaze trennte zwei Kammern zur Rechten und zur Linken von der oberen Wohnstube.

Als Jael eintrat, hob Elian das Gesicht. Es war beherrscht von braunen, weitsichtigen, mitteilsamen Augen. Er erkannte, seine Brauen schoben eine empfindsame Furche in seine Stirn.

Du lebst. Und du bist da. Ich bin froh, sagte sein Blick.

"Komm rein, mein Sohn", sagte seine Stimme. Er erhob sich. Bergige Schultern schimmerten durch reinweiße Baumwolle. Auch im Alter hatte er seine Haltung nicht eingebüßt. Er zerschnitt mit seinem Schritt den Raum und breitete die Arme aus, um Jael für einen Moment hineinzuschließen.
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   Mo Jul 03, 2017 10:42 pm

Jael neigte sacht das Haupt und ließ sich in die Arme schließen. Und er umgriff selbst den Älteren und legte ihm eine Hand klopfend zwischen die Schulterblätter. Irgendwo hinter seinen Augen, verborgen in den Winkeln seines rastlosen Geists keimte der Impuls auf, den Mann Vater zu nennen.
"Elian", sagte er und fuhr fort, als sie einander aus ihrer Umarmung entließen.
"Wie geht es Dir? Bist du beschäftigt?" Jael sog unbewusst an seinem Zahnfleisch. "Es gibt da etwas, dass wir besprechen müssen." Er atmete durch, dann blickte er Elian fest entgegen. Es war ihm ernst.
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BeitragThema: Re: Ceres' Kräuterstube   Mo Jul 03, 2017 11:00 pm

Der große Chirya - er näherte sich inzwischen der sechsten Dekade - blickte dem Jüngeren ins Gesicht. Unverwandt lag der weise Blick des Langbeinigen auf den rastlosen Augen des Jägers. Wenige Augenblicke noch ruhten seine großen Hände auf Jaels Schultern. Dann nahm er sie herunter, nicht aber seinen ausführlich musternden Ausdruck.

"Ich bin beschäftigt", sprach er, "Aber was auch immer das für Dinge sind, sie können warten."

Damit wandte er sich und öffnete Jael den Raum. Ein paar Schritte weiter hob er den Gazevorhang auf der linken Seite und schob ihn auf. Dahinter lag, außerhalb des Lichtscheins aus dem Fenster, ein breites, bescheidenes Lager und in Schreibtischnähe eine Runde großer Sitzkissen um einen kleinen Tisch aus dickem, geflochtenen Rattangarn.

"Es ist schön, dich zu sehen", sprach Elian und wies, gebieterisch und einladend wie der gütigste Gastgeber, Jael mit einer klaren Geste an, im Sitzeck Platz zu nehmen, "Komm her. Setz dich."

Er wartete mit der schier unendlichen Geduld einer alten Eiche, bis Jael seiner Einladung gefolgt war und beobachtete mit Milde in den Mundwinkeln jede seiner Bewegungen. Er selbst setzte sich nicht dazu, sondern lehnte sich an die Kante seines Pults, legte bequem die Arme ineinander und hob ermutigend das kurze, kantige Kinn.

"Was bewegt dich?"

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