Dies ist das Forum für das Reich der Rosen im Herzen Mythodeas
 
StartseiteFAQAnmeldenLogin
Austausch | 
 

 Domus malus - Adhemars Hütte

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten 
AutorNachricht
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 18
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 33

BeitragThema: Domus malus - Adhemars Hütte   Mo Mai 29, 2017 6:27 pm

*puff*

Adhemar bereute seine Entscheidung, den Fetzen roten Stoffes, den er in Ermangelung eines besseren Wortes "Vorhang" nannte, im Inneren seiner Wohnstube auszuschütteln, sofort. Er hatte sich kaum vorstellen können, dass es irgendwo im Inneren des Bretterverschlags, den er derzeit als seine Heimstatt bezeichnete, mehr Staub geben könnte, als in diesem Lumpen, der ihm als kümmerlicher Schutz vor den Gezeiten diente und sein Windauge zumindest von allzu viel Laub und neugierigen Blicken freihielt. Während um ihn herum die Welt seiner vier (besser wohl dreieinhalb) Wände in Dunkelheit versank, musste er seinen Irrtum eingestehen.

Es war Adhemar gar nicht so lange vorgekommen, dass er Gutenbucht den Rücken gekehrt hatte, während all das andere Volk in hektische Betriebsamkeit verfallen war und es sich nicht nehmen hatte lassen, sich in alle siebenunddreißig Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Er hatte nicht viel mitbekommen von Feldzügen und Siedlungsbestrebungen, Intrigen und Besäufnissen, ihn hatte es in die Ferne gezogen.

Die Staubmassen, die sich langsam wieder um ihn herum niederließen und ihm gnädigerweise das Atmen wieder gestatteten, sagten Adhemar, dass er die Zeit, die er weggewesen war, wohl doch unterschätzt hatte. Er hatte einiges erlebt, vieles davon hätte er sich liebend gerne erspart. Eines aber war in all seinen Reisen, seit er denken konnte, immer eine Konstante geblieben: Er war irgendwie heil aus allem herausgekommen.

Diesmal aber spürte Adhemar, dass er nicht mehr so jung war, wie dereinst, als er seines Vaters Heim verlassen hatte, um auf eigene Faust sein Glück zu suchen. Das Reisewetter steckte ihm in den Knochen und sein Schwertarm schmerzte, wann immer er ihn zu lange gebrauchte. Seine zunehmende Leibesfülle, die zu gleichen Teilen dem Alter und einem Hang zur Genusssucht geschuldet war, raubte ihm bereits auf kurzen Wanderungen den Atem und diesmal war es, er musste es sich zähneknirschend eingestehen, mehr dem glücklichen Zufall, als seiner Gewandtheit und seinen Kampfkünsten zu verdanken, wenn er einmal mehr in einem Stück an diesen Ort zurückgekehrt war, von dem er nicht einmal sicher war, weshalb er ihn erneut aufgesucht hatte.

Die Wahrheit war: Er hatte keinen anderen Ort mehr, den er hätte aufsuchen können. Während er sich von Abenteuer zu Abenteuer durchgeschlagen und von einer Eskapade in die nächste gerutscht war, waren ganze Reiche untergegangen und unwiederbringlich im Dunkel der Vergessenheit verschwunden.  Mit leisem Bedauern dachte Adhemar an verwegene Strolche, heißblütige Schankmaiden, bezaubernde Herrscherinnen und kühne Recken, mit denen er sich in zahllosen Duellen gemessen hatte, seien es nun solche des Schwertes oder der Zunge gewesen. Was mochte aus ihnen allen geworden sein? Einen Moment überlegte Adhemar, ob er sich nicht ganz der Muse hingeben und statt des Schwertes nurmehr die Feder führen sollte. All diesen Heldinnen und Heroen ein Denkmal setzen, auf dass die Nachwelt wisse, wer sie einmal gewesen waren.

Mit einem Male war ihm, als ob die KUGEL, die er, wie stets, in der Tasche an seinem Gürtel trug, pulsierte und Wärme abgäbe und obwohl er wusste, dass, würde er sie berühren, sie so kalt und glatt, wie eh wäre, so wusste er doch auch, dass die KUGEL mit dieser Entscheidung nicht einverstanden wäre. Er hatte noch ein Schicksal zu erfüllen. Außerdem hatte er gerade keine Tinte.

Dennoch beschloss Adhemar, auch wenn er, wie er selbst wusste, den OShea’d noch etwas schuldig war, mehr vielleicht, als sie ahnten und sich deshalb nicht gänzlich vom Weg des Kriegers abwenden konnte, doch ein wenig seiner Zeit aufzuwenden, um ein wenig von dem, was er erlebt hatte, niederzuschreiben.
Nach oben Nach unten
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 18
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 33

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Mi Mai 31, 2017 6:10 pm

Langsam kratzte die Feder über das Pergament. Es war eine Leistung von Adhemar gewesen, dieses leere Buch aufzutreiben. Unter normalen Umständen hätte er sich mit einer Sammlung beschriebenen Blattes aufmachen müssen, jemanden zu finden, der ihm diese zu einem fertigen Werke binden würde, doch hier hatte ihm der Zufall ein gütiges Geschick beschert, in Form eines blinden Buchbinders, der zwar hervorragende Arbeit bei der Herstellung seines neuesten Werkes geleistet, durch ein unglückliches Versehen aber den falschen Stapel Pergament zu einem einzigen Werke zusammengefasst hatte.

Nun saß Adhemar vor den leeren Seiten, die er mit Erlebnissen aus seiner letzten Reise zu füllen gedachte. Nach einem letzten, erfolglosen Versuch, sein erbärmliches Tischlein vom Wanken abzuhalten, hub er an:

"Gesta Adhemari filii tertii ducis Lothrechti de Lotharingae

I – Der üble Kult der Fledderer

Und es begab sich zu jener Zeit, dass ich durch mir unbekannte Lande ritt. Satte, grüne Wälder wechselten sich alsbald ab mit sanft ansteigenden Hügeln, bewachsen von fettem, grünem Grase. In der Ferne erhoben sich zerklüftete Berge, die dem geneigten Beobachter sofort auffallen mussten, denn statt eines einzigen Massivs waren es sieben Berge, deren Spitzen sich bedrohlich in den Himmel reckten, als wollten sie den Göttern selbst den Krieg erklären.

Mein Gaul hatte um die Mittagszeit ein Eisen geworfen, weshalb ich gen Abend, statt, wie es meine Absicht gewesen, in ein Wirtshaus, in einen dunklen Wald einkehrte. Ich hoffte, solange es mir der sterbende Tag und die Breite des Weges erlauben würden, zu reiten und vielleicht doch noch ein Dorf oder zumindest die Hütte eines Köhlers zu erreichen, der mir Obdach für die Nacht gewähren mochte.

Je tiefer ich jedoch in den Wald eindrang, desto mehr schwand meine Zuversicht dahin, bis ich schließlich, der nunmehr völligen Finsternis geschuldet, mein Nachtlager aufschlug. Alsbald brannte ein Feuer, das mich wohlig wärmte, wenngleich auch die lodernden Flammen nicht vermochten, den leisen Schauder, der mich in Gegenwart der alten, moosbedeckten Bäume überkam, gänzlich zu vertreiben.

Wie ich mich nun gerade zur Ruhe gebettet und, das Haupt auf dem Sattel ruhend, die Augen geschlossen hatte, vernahm ich mit einem Male, zuerst leis aus der Ferne zu mir dringend, doch mit größerer Nähe beständig anschwellend, einen Gesang, wie er mir meinen Lebtag noch nicht untergekommen war.
Männerstimmen waren es, weit entfernt von der Hohen Reinheit der Elfenlieder, die man zuweilen durch die Wälder schallen hört. Düster und hart waren die Laute, die aus diesen Kehlen drangen, wenngleich die Worte von Vergnügen und Freude kündeten.

Ich erhob mich, das Schwert in der Hand, um zu sehen, wer da wohl des Nachts sein finsteres Unwesen treiben mochte. Noch ehe ich aber auch nur einen der Sänger erblickt, ward mir gewahr, wer es sein musste, der des Nachts die Ruhe des Waldes mit Schauergesang zerriss: Zwerge mussten es sein, denn zusätzlich zum immer lauter werdenden Klirren von allerlei metallenem Werk- und Waffenzeug begann nun der Text ihres finsteren Gesangs von Gold und Edelsteinen, von Minen und der kalten Dunkelheit der Minenarbeit zu handeln und auf all meinen Reisen hatte ich nur eine Rasse kennen gelernt, die eine derartige Obsession mit Untertagebau entwickelt hatte.

Die Gruppe, die ich nun aufgrund des Dämmerlichts, das aus ihren Laternen durch das dichte Laub der Bäume schimmerte, auf sieben Köpfe schätzte, zog laut lärmend an mir vorbei, sodass selbst das leise Knarzen meiner Lederrüstung unbemerkt blieb, als ich mich ein wenig beiseite bewegte, um die Arbeiter unbehelligt passieren zu lassen.

Als ich jedoch sah, mit welchen Reichtümern beladen die Zwerge hier durch den Wald zogen, scheinbar sorglos die schiere Möglichkeit von Überfällen verwerfend, da regte sich in mir ein kleiner Funke der Begehrlichkeit.
Wenn ich nur einen einzigen der Säcke an mich bringen könnte, so würde dessen Inhalt mir gewiss bis zum Ende meiner Tage, wenn schon kein prächtiges, so doch zumindest ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Ich beschloss, den Zwergen auf leisen Sohlen zu folgen.

Es war noch keine lange Zeit vergangen, da tat sich vor uns eine Lichtung auf, in deren Mitte ein kleines, jedoch solide gebautes und gut gepflegt aussehendes Haus stand. Die Zwerge hielten genau darauf zu und der Anführer klopfte zweimal pochend an die Tür, während er etwas rief, das ich aufgrund des leisen Raschelns der Blätter meines Verstecks nicht verstehen konnte.

Ein kurzer Wortwechsel entstand, in dessen Zuge sich die Stimmung der Zwerge mit einem Male in etwas wie Niedergeschlagenheit verwandelte, so als seien sie sich plötzlich alle eines Umstandes gewahr worden, der ihnen vorher entfallen gewesen war. Mit hängenden Schultern öffnete der Anführer der Gruppe die Tür und sie alle traten hindurch. Als der letzte der Gruppe die Tür geschlossen, da schlich ich mich näher heran an die Behausung. Ein seltsamer Geruch umwehte das Gebäude, ein Geruch so wohlbekannt und schrecklich, doch so sehr unangebracht hier mitten im Walde, dass ich zunächst meinte, ich müsse mich getäuscht haben. Und doch war alsbald kein Zweifel mehr möglich, hier roch es nach Tod.

Ob dieses Umstands gewarnt und nunmehr vorsichtiger denn je, beschloss ich, den Morgen abzuwarten und erst nach der Rückkehr der Zwerge in ihre Mine die Hütte einer angemessenen Untersuchung zu unterziehen. So bettete ich mich also im Gebüsch zur Ruhe, wohlverborgen vor neugierigen Augen.

Noch vor dem ersten Licht des Tages weckte mich der nun schon vertraute Gesang von Edelsteinen und Freude, der so gar nicht zu seiner düsteren Melodei passen mochte, aus meinem Schlaf. Die Zwerge brachen auf, um weiter ihrer unersättlichen Gier nach Schätzen nachzugeben. Ich hielt mich verborgen, bis die letzte Note verklungen war und trat dann näher an das Haus heran, um vielleicht mein Glück zu machen, jedenfalls aber dem Ursprung des süßlichen Todeshauchs auf die Spur zu kommen. Gebeugt schritt ich durch die Tür in einen Raum, der in das düstere Zwielicht einer Laterne getaucht war, die am Tührrahmen hing. Langsam ließ ich meinen Blick umherschweifen, doch wie meine Augen sich gerade an die schummrigen Schemen des Raumes gewöhnt hatten, da packte mich ein namenloses Grauen.

Das Haus hatte nur einen einzigen Raum. In dessen Hintergrund waren sieben Betten an der Wand aufgereiht, fein säuberlich gemacht und aufbereitet. Doch auf diesen verweilte mein Blick nur kurz, denn in der Mitte des Raumes, umgeben von Bergen von Gold und Edelsteinen stand ein gläserner Sarg. In diesem ruhten, auf seidene Kissen gebettet, die Überreste von etwas, das einmal ein junges Mädchen gewesen sein musste. Dies konnte ich jedoch nur anhand der Gewänder vermuten, die die Leiche trug, denn Gesicht, Arme und jeder Spann freiliegender Haut waren von grässlicher Verwesung gezeichnet. Gleichzeitig mit dem Anblick traf mich nun auch die volle Wucht des Gestanks, der hier, im Inneren des Raumes nahezu unerträglich war.

Hier wollte ich nun keinesfalls länger bleiben und trat schnell näher, um mir eine Handvoll der Schätze, die in grotesker Verehrung des abscheulichen Etwas um den Sarg herum aufgetürmt waren, anzueignen und diesen schrecklichen Ort zu verlassen. Um wieviel mehr wuchs aber mein Entsetzen, als, kaum dass ich des ersten Edelsteins habhaft wurde, sich der gläserne Deckel öffnete und das namenlose Grauen sich erhob. Während ich in Panik zurückwich, kletterte die Kreatur aus ihrem Gefängnis, das, wie ich nun wusste, mehr Schlafstatt, denn letzte Ruhestätte gewesen war und kam, die gebrochenen Augen starr auf mich gerichtet, mit schlurfenden Schritten näher. Der Mund öffneten sich, als wolle das Ding etwas sagen, doch etwas, das wie ein Stück vertrocknetes Obst aussah, fiel auf den Boden, gefolgt vom Unterkiefer, der mit einem knackenden Geräusch abbrach.

Das nun machte mir endgültig den Garaus. Mit stolpernden Schritten rückwärts zurückweichend tastete ich blind nach der Laterne an der Tür. Ich griff sie und schleuderte sie mit aller Kraft, derer mein Arm fähig war, gegen die wankende Monstrosität. Das dürre Fleisch fing in Blitzesschnelle Feuer und aus der verrotteten Kehle entrang sich ein gurgelnder Laut, der sich mir die Nackenhaare aufstellen ließ. Ich wandte mich zur Flucht, nicht einhaltend, bis ich meinen Lagerplatz erreicht hatte, wo mein treuer Gaul schon ungeduldig wartete. Hastig verstaute ich meine wenigen Habseligkeiten, warf mich auf das Pferd und ließ den Wald hinter mir, der im Scheine der sich ausbreitenden Flammen golden glänzte."


Die ungewohnte Arbeit ließ seinen Arm verkrampfen. Doch voller Zufriedenheit blickte Adhemar auf die ersten Seiten hinab, die einen neuen Abschnitt in seinem Leben verhießen.
Nach oben Nach unten
 
Domus malus - Adhemars Hütte
Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben 
Seite 1 von 1

Befugnisse in diesem ForumSie können in diesem Forum nicht antworten
Reich der Rosen :: Gutenbucht - Takbal-
Gehe zu: