Dies ist das Forum für das Reich der Rosen im Herzen Mythodeas
 
StartseiteFAQAnmeldenLogin
Austausch | 
 

 Domus malus - Adhemars Hütte

Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach unten 
AutorNachricht
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 28
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 34

BeitragThema: Domus malus - Adhemars Hütte   Mo Mai 29, 2017 6:27 pm

*puff*

Adhemar bereute seine Entscheidung, den Fetzen roten Stoffes, den er in Ermangelung eines besseren Wortes "Vorhang" nannte, im Inneren seiner Wohnstube auszuschütteln, sofort. Er hatte sich kaum vorstellen können, dass es irgendwo im Inneren des Bretterverschlags, den er derzeit als seine Heimstatt bezeichnete, mehr Staub geben könnte, als in diesem Lumpen, der ihm als kümmerlicher Schutz vor den Gezeiten diente und sein Windauge zumindest von allzu viel Laub und neugierigen Blicken freihielt. Während um ihn herum die Welt seiner vier (besser wohl dreieinhalb) Wände in Dunkelheit versank, musste er seinen Irrtum eingestehen.

Es war Adhemar gar nicht so lange vorgekommen, dass er Gutenbucht den Rücken gekehrt hatte, während all das andere Volk in hektische Betriebsamkeit verfallen war und es sich nicht nehmen hatte lassen, sich in alle siebenunddreißig Himmelsrichtungen zu zerstreuen. Er hatte nicht viel mitbekommen von Feldzügen und Siedlungsbestrebungen, Intrigen und Besäufnissen, ihn hatte es in die Ferne gezogen.

Die Staubmassen, die sich langsam wieder um ihn herum niederließen und ihm gnädigerweise das Atmen wieder gestatteten, sagten Adhemar, dass er die Zeit, die er weggewesen war, wohl doch unterschätzt hatte. Er hatte einiges erlebt, vieles davon hätte er sich liebend gerne erspart. Eines aber war in all seinen Reisen, seit er denken konnte, immer eine Konstante geblieben: Er war irgendwie heil aus allem herausgekommen.

Diesmal aber spürte Adhemar, dass er nicht mehr so jung war, wie dereinst, als er seines Vaters Heim verlassen hatte, um auf eigene Faust sein Glück zu suchen. Das Reisewetter steckte ihm in den Knochen und sein Schwertarm schmerzte, wann immer er ihn zu lange gebrauchte. Seine zunehmende Leibesfülle, die zu gleichen Teilen dem Alter und einem Hang zur Genusssucht geschuldet war, raubte ihm bereits auf kurzen Wanderungen den Atem und diesmal war es, er musste es sich zähneknirschend eingestehen, mehr dem glücklichen Zufall, als seiner Gewandtheit und seinen Kampfkünsten zu verdanken, wenn er einmal mehr in einem Stück an diesen Ort zurückgekehrt war, von dem er nicht einmal sicher war, weshalb er ihn erneut aufgesucht hatte.

Die Wahrheit war: Er hatte keinen anderen Ort mehr, den er hätte aufsuchen können. Während er sich von Abenteuer zu Abenteuer durchgeschlagen und von einer Eskapade in die nächste gerutscht war, waren ganze Reiche untergegangen und unwiederbringlich im Dunkel der Vergessenheit verschwunden.  Mit leisem Bedauern dachte Adhemar an verwegene Strolche, heißblütige Schankmaiden, bezaubernde Herrscherinnen und kühne Recken, mit denen er sich in zahllosen Duellen gemessen hatte, seien es nun solche des Schwertes oder der Zunge gewesen. Was mochte aus ihnen allen geworden sein? Einen Moment überlegte Adhemar, ob er sich nicht ganz der Muse hingeben und statt des Schwertes nurmehr die Feder führen sollte. All diesen Heldinnen und Heroen ein Denkmal setzen, auf dass die Nachwelt wisse, wer sie einmal gewesen waren.

Mit einem Male war ihm, als ob die KUGEL, die er, wie stets, in der Tasche an seinem Gürtel trug, pulsierte und Wärme abgäbe und obwohl er wusste, dass, würde er sie berühren, sie so kalt und glatt, wie eh wäre, so wusste er doch auch, dass die KUGEL mit dieser Entscheidung nicht einverstanden wäre. Er hatte noch ein Schicksal zu erfüllen. Außerdem hatte er gerade keine Tinte.

Dennoch beschloss Adhemar, auch wenn er, wie er selbst wusste, den OShea’d noch etwas schuldig war, mehr vielleicht, als sie ahnten und sich deshalb nicht gänzlich vom Weg des Kriegers abwenden konnte, doch ein wenig seiner Zeit aufzuwenden, um ein wenig von dem, was er erlebt hatte, niederzuschreiben.
Nach oben Nach unten
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 28
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 34

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Mi Mai 31, 2017 6:10 pm

Langsam kratzte die Feder über das Pergament. Es war eine Leistung von Adhemar gewesen, dieses leere Buch aufzutreiben. Unter normalen Umständen hätte er sich mit einer Sammlung beschriebenen Blattes aufmachen müssen, jemanden zu finden, der ihm diese zu einem fertigen Werke binden würde, doch hier hatte ihm der Zufall ein gütiges Geschick beschert, in Form eines blinden Buchbinders, der zwar hervorragende Arbeit bei der Herstellung seines neuesten Werkes geleistet, durch ein unglückliches Versehen aber den falschen Stapel Pergament zu einem einzigen Werke zusammengefasst hatte.

Nun saß Adhemar vor den leeren Seiten, die er mit Erlebnissen aus seiner letzten Reise zu füllen gedachte. Nach einem letzten, erfolglosen Versuch, sein erbärmliches Tischlein vom Wanken abzuhalten, hub er an:

"Gesta Adhemari filii tertii ducis Lothrechti de Lotharingae

I – Der üble Kult der Fledderer

Und es begab sich zu jener Zeit, dass ich durch mir unbekannte Lande ritt. Satte, grüne Wälder wechselten sich alsbald ab mit sanft ansteigenden Hügeln, bewachsen von fettem, grünem Grase. In der Ferne erhoben sich zerklüftete Berge, die dem geneigten Beobachter sofort auffallen mussten, denn statt eines einzigen Massivs waren es sieben Berge, deren Spitzen sich bedrohlich in den Himmel reckten, als wollten sie den Göttern selbst den Krieg erklären.

Mein Gaul hatte um die Mittagszeit ein Eisen geworfen, weshalb ich gen Abend, statt, wie es meine Absicht gewesen, in ein Wirtshaus, in einen dunklen Wald einkehrte. Ich hoffte, solange es mir der sterbende Tag und die Breite des Weges erlauben würden, zu reiten und vielleicht doch noch ein Dorf oder zumindest die Hütte eines Köhlers zu erreichen, der mir Obdach für die Nacht gewähren mochte.

Je tiefer ich jedoch in den Wald eindrang, desto mehr schwand meine Zuversicht dahin, bis ich schließlich, der nunmehr völligen Finsternis geschuldet, mein Nachtlager aufschlug. Alsbald brannte ein Feuer, das mich wohlig wärmte, wenngleich auch die lodernden Flammen nicht vermochten, den leisen Schauder, der mich in Gegenwart der alten, moosbedeckten Bäume überkam, gänzlich zu vertreiben.

Wie ich mich nun gerade zur Ruhe gebettet und, das Haupt auf dem Sattel ruhend, die Augen geschlossen hatte, vernahm ich mit einem Male, zuerst leis aus der Ferne zu mir dringend, doch mit größerer Nähe beständig anschwellend, einen Gesang, wie er mir meinen Lebtag noch nicht untergekommen war.
Männerstimmen waren es, weit entfernt von der Hohen Reinheit der Elfenlieder, die man zuweilen durch die Wälder schallen hört. Düster und hart waren die Laute, die aus diesen Kehlen drangen, wenngleich die Worte von Vergnügen und Freude kündeten.

Ich erhob mich, das Schwert in der Hand, um zu sehen, wer da wohl des Nachts sein finsteres Unwesen treiben mochte. Noch ehe ich aber auch nur einen der Sänger erblickt, ward mir gewahr, wer es sein musste, der des Nachts die Ruhe des Waldes mit Schauergesang zerriss: Zwerge mussten es sein, denn zusätzlich zum immer lauter werdenden Klirren von allerlei metallenem Werk- und Waffenzeug begann nun der Text ihres finsteren Gesangs von Gold und Edelsteinen, von Minen und der kalten Dunkelheit der Minenarbeit zu handeln und auf all meinen Reisen hatte ich nur eine Rasse kennen gelernt, die eine derartige Obsession mit Untertagebau entwickelt hatte.

Die Gruppe, die ich nun aufgrund des Dämmerlichts, das aus ihren Laternen durch das dichte Laub der Bäume schimmerte, auf sieben Köpfe schätzte, zog laut lärmend an mir vorbei, sodass selbst das leise Knarzen meiner Lederrüstung unbemerkt blieb, als ich mich ein wenig beiseite bewegte, um die Arbeiter unbehelligt passieren zu lassen.

Als ich jedoch sah, mit welchen Reichtümern beladen die Zwerge hier durch den Wald zogen, scheinbar sorglos die schiere Möglichkeit von Überfällen verwerfend, da regte sich in mir ein kleiner Funke der Begehrlichkeit.
Wenn ich nur einen einzigen der Säcke an mich bringen könnte, so würde dessen Inhalt mir gewiss bis zum Ende meiner Tage, wenn schon kein prächtiges, so doch zumindest ein sorgenfreies Leben ermöglichen. Ich beschloss, den Zwergen auf leisen Sohlen zu folgen.

Es war noch keine lange Zeit vergangen, da tat sich vor uns eine Lichtung auf, in deren Mitte ein kleines, jedoch solide gebautes und gut gepflegt aussehendes Haus stand. Die Zwerge hielten genau darauf zu und der Anführer klopfte zweimal pochend an die Tür, während er etwas rief, das ich aufgrund des leisen Raschelns der Blätter meines Verstecks nicht verstehen konnte.

Ein kurzer Wortwechsel entstand, in dessen Zuge sich die Stimmung der Zwerge mit einem Male in etwas wie Niedergeschlagenheit verwandelte, so als seien sie sich plötzlich alle eines Umstandes gewahr worden, der ihnen vorher entfallen gewesen war. Mit hängenden Schultern öffnete der Anführer der Gruppe die Tür und sie alle traten hindurch. Als der letzte der Gruppe die Tür geschlossen, da schlich ich mich näher heran an die Behausung. Ein seltsamer Geruch umwehte das Gebäude, ein Geruch so wohlbekannt und schrecklich, doch so sehr unangebracht hier mitten im Walde, dass ich zunächst meinte, ich müsse mich getäuscht haben. Und doch war alsbald kein Zweifel mehr möglich, hier roch es nach Tod.

Ob dieses Umstands gewarnt und nunmehr vorsichtiger denn je, beschloss ich, den Morgen abzuwarten und erst nach der Rückkehr der Zwerge in ihre Mine die Hütte einer angemessenen Untersuchung zu unterziehen. So bettete ich mich also im Gebüsch zur Ruhe, wohlverborgen vor neugierigen Augen.

Noch vor dem ersten Licht des Tages weckte mich der nun schon vertraute Gesang von Edelsteinen und Freude, der so gar nicht zu seiner düsteren Melodei passen mochte, aus meinem Schlaf. Die Zwerge brachen auf, um weiter ihrer unersättlichen Gier nach Schätzen nachzugeben. Ich hielt mich verborgen, bis die letzte Note verklungen war und trat dann näher an das Haus heran, um vielleicht mein Glück zu machen, jedenfalls aber dem Ursprung des süßlichen Todeshauchs auf die Spur zu kommen. Gebeugt schritt ich durch die Tür in einen Raum, der in das düstere Zwielicht einer Laterne getaucht war, die am Tührrahmen hing. Langsam ließ ich meinen Blick umherschweifen, doch wie meine Augen sich gerade an die schummrigen Schemen des Raumes gewöhnt hatten, da packte mich ein namenloses Grauen.

Das Haus hatte nur einen einzigen Raum. In dessen Hintergrund waren sieben Betten an der Wand aufgereiht, fein säuberlich gemacht und aufbereitet. Doch auf diesen verweilte mein Blick nur kurz, denn in der Mitte des Raumes, umgeben von Bergen von Gold und Edelsteinen stand ein gläserner Sarg. In diesem ruhten, auf seidene Kissen gebettet, die Überreste von etwas, das einmal ein junges Mädchen gewesen sein musste. Dies konnte ich jedoch nur anhand der Gewänder vermuten, die die Leiche trug, denn Gesicht, Arme und jeder Spann freiliegender Haut waren von grässlicher Verwesung gezeichnet. Gleichzeitig mit dem Anblick traf mich nun auch die volle Wucht des Gestanks, der hier, im Inneren des Raumes nahezu unerträglich war.

Hier wollte ich nun keinesfalls länger bleiben und trat schnell näher, um mir eine Handvoll der Schätze, die in grotesker Verehrung des abscheulichen Etwas um den Sarg herum aufgetürmt waren, anzueignen und diesen schrecklichen Ort zu verlassen. Um wieviel mehr wuchs aber mein Entsetzen, als, kaum dass ich des ersten Edelsteins habhaft wurde, sich der gläserne Deckel öffnete und das namenlose Grauen sich erhob. Während ich in Panik zurückwich, kletterte die Kreatur aus ihrem Gefängnis, das, wie ich nun wusste, mehr Schlafstatt, denn letzte Ruhestätte gewesen war und kam, die gebrochenen Augen starr auf mich gerichtet, mit schlurfenden Schritten näher. Der Mund öffneten sich, als wolle das Ding etwas sagen, doch etwas, das wie ein Stück vertrocknetes Obst aussah, fiel auf den Boden, gefolgt vom Unterkiefer, der mit einem knackenden Geräusch abbrach.

Das nun machte mir endgültig den Garaus. Mit stolpernden Schritten rückwärts zurückweichend tastete ich blind nach der Laterne an der Tür. Ich griff sie und schleuderte sie mit aller Kraft, derer mein Arm fähig war, gegen die wankende Monstrosität. Das dürre Fleisch fing in Blitzesschnelle Feuer und aus der verrotteten Kehle entrang sich ein gurgelnder Laut, der sich mir die Nackenhaare aufstellen ließ. Ich wandte mich zur Flucht, nicht einhaltend, bis ich meinen Lagerplatz erreicht hatte, wo mein treuer Gaul schon ungeduldig wartete. Hastig verstaute ich meine wenigen Habseligkeiten, warf mich auf das Pferd und ließ den Wald hinter mir, der im Scheine der sich ausbreitenden Flammen golden glänzte."


Die ungewohnte Arbeit ließ seinen Arm verkrampfen. Doch voller Zufriedenheit blickte Adhemar auf die ersten Seiten hinab, die einen neuen Abschnitt in seinem Leben verhießen.
Nach oben Nach unten
Mallo
Einwohner
Einwohner
avatar

Anzahl der Beiträge : 160
Anmeldedatum : 14.07.15
Alter : 23
Ort : Gutenbucht

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Sa Jul 08, 2017 5:09 pm

Einige Tage nach dem Konvent der Elemente 16 n.d.E
Adhemar & Mallo


Sie rieb sich übers Gesicht und nickte das Letztbesprochene abschließend ab.

"Danke", sagte sie, "dass du das machst. Diese Reisen sehen Viele als Zeitverschwendung an. Aber ich garantier dir, wir tun Shäekara damit einen Dienst. Was ist ein Land, wenn man nicht weiß, wie es funktioniert und wo man's anpackt?"

Sie sah Vayle ins Gesicht, drückte die Lippen zusammen und ließ in finaler Geste die Handflächen auf ihre Beine sinken, bevor sie sich erhob.

"Ich bring dir die Tage die Namen der Leute, die euch Ausrüstung mitgeben können. Sie wissen bescheid und sind bezahlt. Gibt es noch etwas?"
Nach oben Nach unten
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 28
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 34

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Mo Jul 10, 2017 11:58 am

Es war nicht weiter ungewöhnlich gewesen, wenn man den Verlauf von Adhemars Leben kannte, dass, sobald er die Entscheidung gefasst hatte, das Schwert gegen die Feder zu tauschen, die Umstände es erforderlich machen würden, dass ebendieser Tausch sogleich wieder rückgängig gemacht werden würde.

Erst wenige Tage waren vergangen, seit er begonnen hatte, sich seiner neuen literarischen Betätigung zu widmen und doch musste er zugeben, dass ihm seine Tätigkeit bei weitem nicht so viel Freude bereitete, wie er dachte, dass sie es tun würde, weshalb er um die sich bietende Gelegenheit, sich ein wenig physischer zu betätigen, gar nicht traurig war.

Letztlich bot es sich ja auch an, dass er, der ja bereits Erfahrung mit dem Leben an trockenen Orten hatte, sich an einer derartigen Expedition beteiligte, zumal ihm seine Erziehung von selbst verbot, auch nur in Betracht zu ziehen, den Schutz von zwei Frauen einem weniger Fähigen anzuvertrauen.
Die Bitte, die die nur allzu oft auf Krawall Gebürstete hier an ihn herangetragen hatte, erfüllte er somit nur allzu gerne.

Adhemar freute sich sogar, dass sie  ihn hier in seiner schäbigen Behausung aufgesucht hatte, verschaffte es ihm doch die Gelegenheit, sich ein wenig auf den neuesten Stand zu bringen, was das Geschehen hier im Lande während seiner Abwesenheit betraf. Die Hafenstadt summte geradezu vor geschäftiger Aktivität, was seit der Ankunft der OShea'd und ihrer Machtübernahme eigentlich gang und gäbe war und doch lag etwas in der Luft, das sich unterschied vom ständigen Strom neuer Siedler und Waren, die hier umgeschlagen wurden.

"Was die Expedition betrifft, so glaube ich, dass ich binnen kurzer Zeit mich bestens vorbereiten kann, es wird nicht meine erste Reise in trockenere Gefilde."

Innerlich musste er fast lachen, ob dieser Untertreibung. Die Wüste kannte er aus seiner Zeit als Gefolgsmann der Herrscherin auf dem Schlangenthron zu Heliopolis genauso gut, wie die Erfordernis der Landeskunde und -verwaltung von seiner eigenen, wenn auch kurzen Herrschaftszeit über die grünen Gefilde Wydehaws. Nichts von alledem wusste jedoch seine Gesprächspartnerin, wie sie auch seinen Namen nicht wusste und Adhemar war sich nicht einmal sicher, ob derjenige, der all diese Abenteuer erlebt hatte, noch der war, der ihr nun gegenüberstand.

"Aber sagt... sag mir, ich war eine Weile auf Reisen und... habe kaum Kunde... Nachrichten aus Gutenbucht vernommen. Du bist die erste Person, die mir seit meiner Rückkehr hierher begegnet. Gibt es Neues zu berichten?"

Halb erwartete Adhemar ja, dass Raûl in der Zwischenzeit Neomé und den Rest der Rasselbande erschlagen hatte und sich selbst auch offiziell zu den Ambitionen bekannt hatte, die Adhemar ihm mehr oder weniger heimlich unterstellte. Aber wenn das geschehen wäre, dann wären die Geschäfte in den Gassen und an den Kais mit Sicherheit um einiges unruhiger, als sie es derzeit waren.
Nach oben Nach unten
Mallo
Einwohner
Einwohner
avatar

Anzahl der Beiträge : 160
Anmeldedatum : 14.07.15
Alter : 23
Ort : Gutenbucht

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Do Jul 13, 2017 11:48 pm

Die Chirya ließ langsam die Arme entlang des Körpers sinken und blinzelte Vayle entgegen, wie für den Moment nicht fassen könnend, was er gerade gesagt hatte. Sie öffnete den Mund und holte Luft für eine Erklärung, hob Atem und Zeigefinger - ließ beides wieder sinken und setzte sich wieder hin.

Die Antwort war anscheinend so einfach nicht getan.

"Ja", sagte sie dann, auf hintergründige Weise amüsiert - nicht etwa über ihren Gesprächspartner, sondern über den inneren Versuch, alles, was geschehen war, in verständliche Worte einer knappen Erklärung zusammenzufassen. Aber fein - vielleicht sollte diese Erklärung gar nicht so knapp werden. Vielleicht durfte sie es nicht, wenn Vayle wieder mit ihnen ziehen wollte.

Mallo setzte noch einmal an, sah Vayle ins Gesicht - und lehnte sich zurück.

"Du warst eine ganze Weile nicht mehr hier, ja?", stellte sie mit letztendlich ruhiger Stimme fest und musterte den blonden Oshea. "Also schön. Wie... erzähl ich es dir am besten? Dass Neome sich dem Großen Spiel gestellt hat und von den Vertretern der Elemente zur Nyame des Reiches ernannt wurde, weißt du?"
Nach oben Nach unten
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 28
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 34

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Fr Jul 14, 2017 1:33 pm

Es war bereits eine Weile her, dass Adhemar bei einer Frau Schnappatmung ausgelöst hatte. Er musste 12 gewesen sein und sie war Beiköchin in seines Vaters Burg, ein zartes Ding von 15. Ihn hatte das Verbotene gereizt, die süße Frucht zu pflücken, die doch eigentlich für jemanden anders bestimmt war. Sich heimlich in die Küche zu schleichen, verborgen vor aller Augen außer der ihren, das war ein Spiel gewesen, doch längst nicht so unschuldig, wie die Spiele seiner früheren Kindheit.

Die süße Frucht indes hatte sich als das sauerste entpuppt, was Adhemars Zunge jemals zu kosten bekommen hatte. Eine Zitrone nannte man es, wie er später erfuhr. Ihre Beschaffung hatte seinen Vater eine nicht unbeträchtliche Summe und den Koch nicht unbeträchtliche Nerven gekostet und als die Beiköchin ihn erwischte, wie er gerade genüsslich in das verlockende Gelb biss, da drosch sie ihn aus der Küche, zeternd und schreiend, bis sie ganz außer Atem war.

Nun, eine Standpauke und eine Woche Ausmisten der weitläufigen Stallungen standen hier nicht zu befürchten, dennoch musste der unverständige Ausdruck auf Adhemars Gesicht jenem recht ähnlich sein, der sich auf seinen Zügen befunden hatte, nachdem der initiale Schock des Fruchtgeschmacks sich gelegt hatte und seine kindliche Zunge aufgehört hatte, zu pulsieren.

"Sie hat was gemacht und wurde von wem zu was ernannt?"

Mit plötzlicher Bestürzung stellte er fest, dass er das, was er sich immer vorgenommen und genauso regelmäßig aufgeschoben hatte, nämlich sich einmal eingehend mit den Sitten und Gepflogenheiten der Volkschaften der Lande, die er nun schon so lange bereiste, auseinander zu setzen, zu lange auf die lange Bank geschoben hatte, denn er verstand kein Wort von dem, was die Chirya ihm sagte, wenngleich er ahnte, dass es von nicht unerheblicher Bedeutung war.

"Ich glaube, ich biete dir etwas zu trinken an, denn es scheint, das hier wird länger dauern."
Nach oben Nach unten
Mallo
Einwohner
Einwohner
avatar

Anzahl der Beiträge : 160
Anmeldedatum : 14.07.15
Alter : 23
Ort : Gutenbucht

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Fr Jul 14, 2017 7:19 pm

Erneut öffnete Mallo die Lippen und musterte Vayle. Sie blinzelte ungläiubig, als er nachfragte. Dann sank ihre Haltung ein bisschen in sich zusammen und sie wischte sich mit den Handflächen den verständnislosen Ausdruck aus dem Gesicht und ließ eigenartig milde Geduld einkehren - diese Art von Geduld, die sie nur den Oshead schenken konnte.

Sie lachte auf, als Vayle ihr etwas zu trinken anbot.

"Ja, gern", sagte sie schlicht. In ihren Mundwinkeln saß Dankbarkeit. Dann zog sie die Füße auf die Sitzfläche, umspannte die Knie mit ihren Armen und machte es sich bequem.

"Gut, wo fangen wir an..." Überlegend leckte sie sich über die Lippen, ein kleines Loch in die Kante von Vayles Stuhl starrend. "Weißt du, dass... die herrschenden Urkräfte auf Mythodea - das ist das Land, auf dem wir uns befinden", fügte sie mit kameradschaftlichem Aufziehen hinzu, "- die fünf Elemente sind? Feuer, Wasser, Erde Luft und Magie?"
Nach oben Nach unten
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 28
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 34

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Sa Jul 15, 2017 8:36 am

Sie war schon ein zierliches Persönchen, wie sie sich da auf dem Stuhl zusammenfaltete, wie eine überdimensionierte Heuschrecke. Einen Moment überlegte Adhemar, ob er sie auf die akute Baufälligkeit des Sitzmöbels hinweisen sollte, doch wenn er ihrem Gewicht nicht standhielt, dann war ein Zusammenbruch ohnehin kein großer Verlust. Und sie würde den Sturz wohl auch überleben, gepolstert genug war sie ja.

Statt weiter über die tieferen Feinheiten mangelhafter Schreiner- und Drechslerarbeit zu sinnieren, befleißigte er sich nunmehr, einen Kelch für sein Gegenüber bereitzustellen und füllte ihn, sowie sein eigenes Trinkhorn, das, wie stets an seinem Gürtel neben der KUGEL hing, mit einem Schwall süßen Mets, bevor er anhub, ihr zu antworten. Wie könnte er je die Schlachtrufe vergessen, die, die Elemente preisend, über die Walstatt gehallt waren, als er vor so vielen Jahren zum ersten Male sich diesem Heerwurm angeschlossen hatte. Damals hatte er die Neutralität gewählt, sich keinem der Elemente besonders verbunden gefühlt, wie er sich auch keinem seiner Gefährten besonders verbunden gefühlt hatte. Wie hatten sich die Zeiten doch geändert.

"Ja, davon hatte ich gehört." antwortete er der jüngeren, ihren Spott übergehend.
Nach oben Nach unten
Mallo
Einwohner
Einwohner
avatar

Anzahl der Beiträge : 160
Anmeldedatum : 14.07.15
Alter : 23
Ort : Gutenbucht

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Sa Jul 15, 2017 5:12 pm

Sie setzte zu einem Einspruch an, als er ihr einschenkte, hielt aber doch an sich und ließ die Hand wieder sinken. Es hätte auch ein "Nicht-so-viel" sein können. Sie ließ Vayle sich selbst versorgen, ehe sie fortfuhr.

"Gut. Die Elemente sind also die Urkräfte von Mythodea. Das sind... Kräfte. Ohne Gesicht und Gestalt. Sie sind weder gut, noch böse. Aus ihnen ist überhaupt erst... die Idee entstanden, dass es Mythodea geben kann. Um die Welt greifbar zu machen, haben die Elemente ein Volk geschaffen. Oder besser: fünf Völker. Jedes für ein Element. Das sind die Quihen'Assil. Sie waren... das erste wirkliche Leben, die ersten Wesen in der Geschichte dieser Welt mit einem eigenen Bewusstsein. Mit Individuen. Und sie haben Mythodea erschaffen, wie du - wie wir - das jetzt sehen. Kannst du soweit folgen?"

Mallo rührte sich ein bisschen, nahm den Kelch und roch an dem Inhalt, ordnete den Duft zu und stellte den Kelch wieder auf den Tisch zurück.

"Jetzt is das Land in große... Reiche unterteilt. Die Siegelgebiete. Es gibt das Nord-, Ost-, Süd- und Westsiegel und dann gibt es noch die Mitte. Das ist das Reich der Rosen." Sie deutete mit spitzem Zeigefinger auf ihr Knie als Untergrund, als gäbe sie dem Boden unter ihrer Beider Füßen eine gewichtige Richtung. "Das Reich, in dem wir jetzt leben. Jedes Reich - jedes Siegel - hat zwei Herrscher. Den Archon und die Nyame. Der Archon ist das Oberhaupt aller Leben in seinem Siegelgebiet. Er führt die Siedler an, regelt ihre Angelegenheiten und führt sie in den Krieg. Die Nyame... ist die geistige Herrscherin. Sie wird von den Quihen'Assil erwählt und hat damit eine direkte Verbindung zum Willen der Elemente. Ihre Aufgabe ist es, dem Land zu dienen. Dem Land, als Schöpfung der Elemente. Sie kümmert sich... um die Seelen allen Lebens in ihrem Siegelgebiet und gleicht ihren Archon aus. Tja... und seit Neustem ist Neome die Nyame der Rosen. Unsere Nyame."

Sie endete für den Moment und sah Vayle lange an.

"Hast du bis dahin Fragen?"
Nach oben Nach unten
Adhemar

avatar

Anzahl der Beiträge : 28
Anmeldedatum : 12.08.15
Alter : 34

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Sa Jul 15, 2017 7:45 pm

Die Kostverächterin mochte wohl seinen Met nicht. Nun, er war seinen Gastgeberpflichten nachgekommen, der Rest war nicht sein Problem. Sie hatte in Schlachtreihen gestanden, dann würde sie auch diese Situation überstehen.

Innerlich lachte er über die Vorstellung, dass diese Anführerin einer Bande von Wegelagerern es zur geistigen Führerin eines ganzen Reiches geschafft haben sollte. Gleichzeitig musste er widerwillig zugeben, dass gerade wegen dieser Tatsache das Erreichte umso beeindruckender war.

Äußerlich jedoch verzog Adhemar keine Miene, während er diese neuen Informationen in sich aufsog. Mit einer raschen Bewegung griff er nach Pergament und Feder und begann, sich Notizen zu machen, während er mit einem Kopfschütteln seinem Gegenüber signalisierte, dass er keine Fragen habe und sie fortfahren möge.

In seinem Kopf begann es zu arbeiten.
Nach oben Nach unten
Mallo
Einwohner
Einwohner
avatar

Anzahl der Beiträge : 160
Anmeldedatum : 14.07.15
Alter : 23
Ort : Gutenbucht

BeitragThema: Re: Domus malus - Adhemars Hütte   Sa Jul 15, 2017 10:09 pm

Die Chirya beobachtete ihn; Sie bemerkte, wie er zu Notizen griff und irgendwas daran ließ sie auflächeln. Als Vayle nickte, nickte sie zurück.

"Also gut....", fuhr sie fort und streckte sich, überlegte einen Moment, "Neome is also Nyame. Das bedeutet, dass sich für die Oshead jetzt jede Menge verändern wird. Wahrscheinlich... wird es die Oshead wie wir sie kennen gar nicht mehr geben. Oder brauchen. Wir sind nicht mehr eine Handvoll umherziehender Haudraufs und Glücksjäger. Waren wir nie." Den Zusatz fügte sie wie von sich hinzu, ein Einschub einer subjektiven Überzeugung. Dann aber strahlte ihr Gesicht ein wenig auf. "Wir sind das Volk der Nyame", sagte sie und in der Nüchternheit ihrer Stimme schwang etwas Feierliches. "Wir haben sie durch die Prüfungen des Großen Spiels begleitet. Beim vergangenen Konvent, in Holzbrück. Das ist... diese Prüfungszeremonie, bei der sich Anwärter für das Amt des Archons oder der Nyame vor den Quihen'Assil beweisen müssen. Dass sie dieses Amtes würdig sind. Eigentlich hieß sie nur ganz am Anfang 'Großes Spiel', da waren auch noch die Voraussetzungen ganz andere. Jetzt sind es nur noch 'Die Prüfungen'. Aber mir gefällt der Name. Ich nenn es immer noch so. Weil... es einfach passt."

Malens Blick sank wieder auf Vayles Stuhlkante. Sie schwieg einen Moment und ihr Ausdruck gewann etwas Nachdenkliches und in ihren Augenwinkeln saß Schmerz, der verging, als sie Vayle wieder ansah.

"Ich sag's dir. Nix für schwache Nerven. Diese Prüfungen waren... eine Herausforderung. Für Körper und Geist. Nicht nur für Neome, für uns alle... aber für Neome am allermeisten. Und sie hat die anderen Anwärterinnen an die Wand genagelt mit ihrem Auftreten. Als sie dann da oben stand, auf der Tribüne, vor den Mithray'Kor..." Für einen Augenblick ins Schwelgen geraten, schüttelte sie nur sacht das Haupt ob der Erinnerung. "... und die Tivar'Kharassil und das ganze Reich vor ihr auf die Knie gingen... da wusste auch der Allerletzte, dass sie die Richtige ist."

Sie blinzelte zwei, drei Mal und kehrte wieder ins Jetzt zurück, räusperte sich, richtete sich auf und erklärte mit sachlicherer Stimme:

"Die Mithray'Kor sind die Geliebten Kinder der Quihen'Assil - Sterbliche, die sich einem Aspekt der Elemente verschreiben und damit eine besondere Gunst und Kontakt zu deren Macht erhalten. Und die Tivar'Kharassil sind eine uralte Gruppierung von Elementaranhängern. Die Ewigen Schwerter. Richter vor dem Willen der Elemente. ... Unfassbar arrogante Arschlöcher." Sie lachte leise. Dann atmete sie durch. Der Ernst verließ sie nie ganz.

"Ich erzähle dir das alles, weil du diese Namen wahrscheinlich vielfach hören wirst, wenn du wieder mitgehst. Jedenfalls..." Sie machte, in den Ausführungen, regelmäßig Pausen, beobachtend, ob und was Vayle mitschrieb und daraus abschätzend, wann sie fortfahren konnte. "... haben diese Prüfungen nicht nur Neome einen ordentlichen Schub Macht verliehen. Sie haben uns als Volk zusammengeschweißt. Uns Oshead, die bei ihr waren. Noch mehr als sonst. Ich glaub, wir sind endlich soweit, Wurzeln auf diesem Kontinent zu schlagen. Endgültig. Und jeder fängt jetzt an, über seinen Tellerrand zu schauen. Einen Weg für sich zu suchen. Eine Aufgabe, in der er besonders gut íst, seinem Volk und seiner Nyame nützt." Sie musterte Vayles Lider und lächelte matt. "Das wird auf dich auch zukommen, Kumpel. Fakt ist... Neome hat ein neues Zeitalter eingeläutet. Das Zeitalter des Wandels und der Sterblichen. Das betrifft den ganzen Kontinent, und ins Shäekarianer ganz besonders. Und die Oshead am allermeisten. Wir müssen uns neu ordnen. Wir müssen weiter denken. Es ist gut möglich, dass Neome ihren Hof und ihren Sitz hier im Süden aufbauen will. Und sie hängt sehr an ihren Oshead. Und die Oshead an ihr. Damit unser Gefüge nicht auseinanderbricht... muss jeder sich überlegen, wie weit er Neome auf ihrem Weg begleiten will. Die Engsten und Besten wird sie mit einem Hochamt an ihrem Hof belohnen. Den Weiteren wird sie andere, verantwortungsvolle Aufgaben übertragen, wenn sie sie wollen. Aber die Oshead sind sich soweit in einem einig: Sie wollen ihrer Pakata treu bleiben. Und ihr folgen. In welcher Form auch immer."
Nach oben Nach unten
 
Domus malus - Adhemars Hütte
Vorheriges Thema anzeigen Nächstes Thema anzeigen Nach oben 
Seite 1 von 1

Befugnisse in diesem ForumSie können in diesem Forum nicht antworten
Reich der Rosen :: Gutenbucht - Takbal-
Gehe zu: