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Nepheruna Banokborn

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Anzahl der Beiträge : 23

BeitragThema: Wiederaufbau   Do Jun 14, 2018 10:58 am

"Fräulein Nef! Fräulein Nef!" Essandra rannte die Treppe des ehemaligen Gasthauses trampelnd hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.
Ihr blonder Zopf flog dem ungestümen Mädchen in bereits viele Strähnen zerzaust hinterher.
Sie hatte sich mittlerweile vollständig von ihrem Sturz von den Klippen Gutenbuchts erholt. Aber Möweneier wollte sie nimmermehr essen, darauf beharrte die elternlose Vierzehnjährige.

Nepheruna stand in einem der drei Schlafsäle im ersten Stock und betrachtete einschätzend das Werk der letzten Stunden. Ihr langes Haar trug sie mit all den Zöpfen und Perlen darin zurückgebunden. Die rote tulamidische Hose und die mittelreichische Tunika waren staubig, die Ärmel hochgekrempelt. Während sie arbeitete, hatte sie sogar einige ihrer Lieblingshalsketten abgelegt - nur noch die wichtigsten drei Anhänger baumelten um ihren schmalen Hals.
Es gab in Quingard  für die Waisen kaum Strohmatratzen, geschweige denn Betten.
Aus Mangel an weichen Unterlagen hatte sie vor fast drei Wochen Kinder geschickt, saftiges Wiesengras in ganzen Bündeln zu pflücken.
In bester Sonneneinstrahlung war es regelmäßig gewendet worden und so hatten sie notdürftig ihr eigenes Heu hergestellt. Die erste Fuhre war heute fertig geworden und lag nun wohl drapiert gemeinsam mit geflickten Decken als improvisierte Schlafplätze auf dem Dielenboden.
Auch an Unterlagen und Decken für kühlere Nächte mangelte es.
Sie hatten unter den Flüchtlingen alte Kleidung und Lappen gesammelt – es war am Ende nicht viel geworden, aber es hatte gereicht daraus eine Hand voll weitere Bahnen Stoff zu nähen.
Die Waisen wollten emsig mitarbeiten, wo sie es konnten, auch sie sehnten sich nach einer Art Zuhause.

Von oben, aus dem Dachstuhl, erklang der monotone Lärm von mehreren Hämmern.
Die zugeteilten Arbeiter reparierten die letzten Löcher. Herbst und Winter hatten wohl einige Schindeln gekostet.

Die Arme locker verschränkt, mit den Händen jeweils den gegenseitigen Ellenbogen umfassend, trat Nepheruna zu einem der Fenster und blickte auf die Straße hinaus… und fuhr sachte zusammen, als Essandra plötzlich neben ihr stand.
Die Arbeitsgeräusche vom Dach hatten die Schritte und das Rufen des Mädchens übertönt.
Die Garetherin mit den auffälligen Zöpfen und Ketten lachte belustigt und atmete sich demonstrativ ans Herz fassend auf.
„Essandra! Du Schleichkatze!“
Sie war es nicht gewohnt derart erschreckt zu werden. Normalerweise war mit ihrem Gehör alles in bester Ordnung.
„Fräulein Nef!“ die Hämmer von oberhalb setzen einen Augenblick wie aufgefordert aus – sicher unterhielten sich die Arbeiter.
„Tomme meint, dass das Heu vom dritten Hof auch fertig sein könnte. Sollen sie es hinauf bringen?“
„Wurde es heute schon gewendet?“
„Ja! Der Herr Praios hat so heiß gebrannt zu Mittag, dass es gut durchgetrocknet ist.“
„Klingt vielversprechend – aber mach dir die Mühe und wiederhole unten noch einmal, was ich schon zu Anfang meinte: Kontrolliert das Heu in der Anfangszeit, wenn ihr darauf schlaft – bewegt es ab und zu. Nicht, dass die Dielen schimmeln.“
Essandra nickte und stürmte durch den künftigen Schlafsaal zur Tür.
Insgesamt hatten sie auf dieser Etage drei davon.
In jeden davon passten etwa zehn Kinder. Das wäre immer noch viel zu wenig Platz gewesen, wenn sich nicht die Handwerker bereits bereit erklärt hätten, viele der Waisen als Lehrlinge in ihr Haus aufzunehmen.
Nef rieb sich die Arme, ging in die Hocke und richtete eine weitere Bettstatt her.
Es erleichterte sie ungemein, dass viele der Elternlosen bald ein Heim ihr eigen nennen konnten.

Schneider kamen nicht hinterher Decken, Kissen, Betttücher herzustellen. Wie auch – es gab viel zu wenig Schafe und Flachs für nötiges Leinen war nicht angebaut.
Vielleicht gab es in den Wäldern reichlich Moos, um dieses Defizit auszugleichen..?
Decken waren in mehr oder weniger gutem Zustand vorhanden - sie hatten auch während der bisherigen Reise darunter geschlafen. Aber der Erdboden, das Gras beim Lagern war doch weicher als der Holz-, Lehm- oder Steinboden eines Hauses - es brauchte mehr für darunter.
Schreiner standen vor einer nicht zu befriedigenden Bettennachfrage. Immerhin gab es hier Bäume im Überfluss. Gerade die Holzhandwerker waren zu dieser Zeit mehr als angewiesen auf ihre Lehrlinge.
Nepheru tippte darauf, dass es gerade die Tischler und Schreinersleute waren, die die Kinder mit offenen Armen empfangen hatten. Und natürlich die Schmiede. Schmiede brauchte es immer, wenn es eine Bedrohung gab, deren Namen man kannte.

Gedankenvoll erhob sie sich und machte eine erneute Begehung: Drei mittelgroße Schlafsäle und drei kleinere Räume für jeweils zwei Ältere im ersten Stock. Unter dem Dach die Verwaltung, Bücherregale konnten sich gut unter den Dachschrägen machen.
Lagermöglichkeiten für Langfristiges gab es. Zwei Doppelzimmer für Verwalter, Betreuende, Gäste. Sollten die Kinder wieder zahlreicher werden, gab es weitere Möglichkeiten, dann auszubauen. Das Gasthaus war ein geräumiger Bau.

Ihre rasch-gezielten Schritte trugen sie die Treppe hinunter.
Es war angenehm kühl im Erdgeschoss – hier machten recht schön verlegte Steinplatten den Boden aus. Zwei Speisesäle, die miteinander verbunden waren, hatten in ihrem bisherigen Dasein als Tavernenzimmer der Herberge gedient. Zuerst hatten sie überlegt einen großen Raum daraus zu machen. Die Statik der tragenden Wände hatte ihn aber einen Strich durch die Rechnung gemacht. Doch immerhin war der Durchgang, der eine Brücke schlug, großzügig.
Bisher gab es noch keinen Tisch.
Doch was sprach dagegen vorerst wie die Tulamiden zu essen?

Daneben lag die geräumige Küche, ein Lagerraum, ergänzend ein kleiner Raum für bürokratische Angelegenheiten mit Fenster.
Draußen im Hinterhof ein weiterer Lagerraum – daneben zwei Aborte.
Es war großartig, dass es hier im Wohnviertel einen Anschluss an eine Kanalisation gab. Etwas, das nicht jede Stadt dieser Größe hatte. Luxus.

Nicht großartig war, dass aus dieser Kanalisation immer wieder diese vermaledeiten Ratten kamen. Vielleicht hatte sie sich wegen der Ratten so vor Essandras plötzlichem Erscheinen erschrocken: Ratten machten sie einfach schreckhaft.
Wo lag bloß ihre Nahrungsquelle?
Sie hoffte inbrünstig, dass die Söldner bald das alte Kornlager oder die verendeten Tiere finden würden, von denen die Nager zehrten.
Es musste etwas in diese Richtung sein.
Ohne entsprechende Nahrung vermehrte sich eine Population nicht.
Und sie hoffte ebenfalls, dass sich die Leute an das erinnerten, was sie gesagt hatte: Die Katzen würde nur ein Verrückter als Problem betrachten und anrühren.
Sie waren die einzigen, die die Ratten derzeit vernünftig in Schach hielten. Die schnell genug waren und effiziente Jäger, genau auf diese Art von Beute spezialisiert. Und auch sie würden von dannen ziehen, Kater würden vermehrt fremden Nachwuchs töten, Jungtiere würden bei geringerem Nahrungsangebot nicht überleben, ihre Population würde sich von selbst erholen, gesunden – wenn die Rattenplage eingedämmt worden war. Die Ratten waren das Problem, nicht die Katzen. Dass sie ein ganz persönliches Herz für die Samtpfoten hegte, hatte sie ausgelassen.

Um die Vögel kümmerte sich Corvin. Sie verließ sich auf ihn.
Er hatte die Angewohnheit, Dinge richtig zu machen, wenn er sich ihnen erst einmal widmete.
Nef stützte sich auf den derzeit einzigen, leicht wackelnden Tisch, der im Eingangsbereich stand. Sie hatte unter eines der Beine bereits einen kleinen Holzkeil geschoben. Einige Zettel lagen auf der Tischplatte, anbei ein Kohlestift.
Sie notierte die neuesten Entwicklungen der letzten Woche für die Heroldin Federica. Bald - voraussichtlich übermorgen - konnten die Dacharbeiter vom Waisenhaus abgezogen werden.
Aus dem Augenwinkel linste sie zum Fenster. Dieser Tag ging zur Neige.
Sie wollte nach Phexdan sehen.
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